Robert Walser

Der nicht nur von der Literaturwissenschaft lange Zeit übergangene deutschschweizerische Schriftsteller Robert Walser gilt heute als einer der bedeutendsten und rätselhaftesten Autoren des 20. Jahrhunderts, zu Lebzeiten hingegen war ihm eine Anerkennung seines literarischen Werkes nur in sehr bescheidenem Maße vergönnt, obschon selbiges von einer ganzen Reihe äußerst hochkarätiger Stimmen bewundert wurde: Franz Kafka, Hermann Hesse, Robert Musil, Christian Morgenstern, Kurt Tucholsky, Walter Benjamin … Dass Walser bei einer breiten Leserschaft keinen nennenswerten Erfolg verzeichnen konnte, ist durchaus nicht so verwunderlich wie es zunächst erscheinen mag: In seinen Romanen und Prosaskizzen feiern die Hauptfiguren den Müßiggang und das Herumvagabundieren, das Kleine und Beschauliche und legen zudem ein erstaunliches Maß an Demut und Bescheidenheit an den Tag, zeigen also Attitüden, die dem wilhelminischen Zeitgeist, der auf Ehre, Größe und Geltung abzielte, diametral entgegenstanden. Viel besser sieht es aber heute auch nicht aus: Einem weiten Lesepublikum ist Robert Walser nicht bekannt, er ist das, was man im angelsächsischen Kulturraum einen writerʼs writer nennt, ein Autor, der von anderen Schriftstellern sehr geschätzt wird,[1] aber über keine größere Leserschaft verfügt.

Robert Walser wird am 15. April 1878 in Biel (Kanton Bern) als siebtes von acht Kindern eines Buchbinders und Kaufmanns geboren. Da der Vater die große Familie nur mit Mühe ernähren kann, sieht Walser sich gezwungen, selbst Geld zu verdienen und verlässt daher bereits mit vierzehn Jahren die Schule, um eine Banklehre zu absolvieren – es ist dies der Beginn eines sich über Jahrzehnte erstreckenden Wechselns von Anstellungen, Ausbildungsstätten, Wohnorten und Unterkünften. 1898 veröffentlicht er (anonym) seine ersten Gedichte, 1904 erscheint im Insel-Verlag sein erstes Prosawerk (Fritz Kochers Aufsätze). Von 1905 bis 1913 lebt er in Berlin und schreibt während dieser Zeit drei Romane (Geschwister Tanner, Der Gehülfe, Jakob von Gunten), die ihn in der literarischen Welt auch durchaus bekannt machen. Jedoch gelingt es ihm nicht, sich in der Hauptstadt als Schriftsteller zu etablieren, und so kehrt er zurück in die Schweiz, bleibt aber weiterhin schriftstellerisch tätig und veröffentlicht eine größere Zahl von Gedichten und Prosaminiaturen in diversen deutschsprachigen Zeitschriften.[2] Das moderne großstädtische Leben in Berlin mit seinem „mechanisch-tägliche[n] Einerlei“ (Der Höhlenmensch) und dem alles beherrschenden Nützlichkeitsdenken hat Walser abgestoßen und gelangweilt: „Unsere Zeit ist grausam mit ihrem ausgesprochenen Nützlichkeitswesen. Ausnützen, Nützlichsein, Dienlichsein sind die drei befehlshaberischen Worte der Zeit, in der wir leben“ (Martin Weibel). Die unablässig hastende, erwerbfixierte vita activa ist Walsers Sache nicht, er ist für die vita contemplativa geschaffen: Er wandert durch seine Schweizer Heimat („O was für eine gesunde, gute Freude ist das Wandern“ (Wanderung)), schwärmt von heimeligen Kleinstädten und von der Schönheit der Natur, die auf ihn wie ein heilender Zauber wirkt („Wie bist du gut, freundlich und süß, Natur! Deine Erde, deine Wiesen und Wälder, wie sind sie schön! Gott im Himmel, und wie sind deine Menschen hart“ (Der Brief)), und er erquickt sich an den kleinen Freuden des Lebens: „Wenn Wälder wieder grünen und Wiesen voll Gräser sind und die Luft dabei so warm: wer könnte dann sagen, er sei nicht froh, dass er noch am Leben ist? Wer wäre dann nicht wenigstens eine halbe oder ganze Stunde oder einen Tag lang wahrhaft glücklich?“ (Grün (II)). Überhaupt zeichnet sich Walser dadurch aus, dass er von Demut und Bescheidenheit gesegnet ist und für ihn das vermeintlich Kleine, Nebensächliche ebenso viel Zuwendung und Aufmerksamkeit verdient, wie das gemeinhin als bedeutend und wichtig Geltende: „Höchst liebevoll und aufmerksam muss der, der spaziert, jedes kleinste lebendige Ding, sei es ein Kind, ein Hund, eine Mücke, ein Schmetterling, ein Spatz, ein Wurm, eine Blume, ein Mann, ein Haus, ein Baum, eine Hecke, eine Schnecke, eine Maus, eine Wolke, ein Berg, ein Blatt oder auch nur ein armes weggeworfenes Fetzchen Schreibpapier, auf das vielleicht ein liebes gutes Schulkind seine ersten ungefügen Buchstaben geschrieben hat, studieren und betrachten. Die höchsten und niedrigsten, die ernstesten und lustigsten Dinge sind ihm gleicherweise lieb und schön und wert“ (Der Spaziergang); „[d]ass du, wie gesagt, das bist, was du bist und so bist, wie du bist, bezaubert mich, rührt, ergreift und bewegt mich und macht mich denken, dass es auf der Welt, die an unerfreulichen Erscheinungen reich genug ist, hier und da Dinge gibt, die den, der sie sieht, glücklich, fröhlich und heiter machen“ (Rede an einen Knopf); „[a]uch sehe ich eigentlich nichts als nebensächlich an“ (Frau Scheer); in der Erzählung Der Spaziergang betont der Ich-Erzähler, dass der Dichter dazu fähig sein müsse „sich in die tiefste und kleinste Alltäglichkeit herunterzusenken“, wohingegen „[d]er geringe Verstand […] das Geringe gern gering [schätzt], und dies ist sein Unglück“ (Friseur Jünemann). Rilke schreibt in einem Brief an seinen Schwager, den Maler Helmuth Westhoff: „dass die meisten Menschen gar nicht wissen, wie schön die Welt ist und wieviel Pracht in den kleinsten Dingen, in irgendeiner Blume, einem Stein, einer Baumrinde oder einem Birkenblatt sich offenbart. […] Das Kleine ist ebensowenig klein, als das Große – groß ist. Es geht eine große und ewige Schönheit durch die ganze Welt, und diese ist gerecht über den kleinen und großen Dingen verstreut“ – diesen Äußerungen hätte wohl kaum ein anderer Dichter so überzeugt und euphorisch zugestimmt wie Robert Walser.

Walsers Lebensfreude hat vor allem zwei Wurzeln: seine begeisterungsfähige, romantisch gestimmte Seele („Sein Geheimnis war seine fort- und fortdauernde Lust. Sein Fühlen war ihm stiller Quell und Brunnen seltsam geheimen Lebensglücks […] Man kann sagen, dass er romantisch war“ (Der Arbeiter))[3] und seine Kindlichkeit, die er sich bis weit ins Erwachsenenalter hinein bewahrte: „Ich war eigentlich nie Kind, und deshalb, glaube ich zuversichtlich, wird an mir immer etwas Kindheitliches haften bleiben. Ich bin nur so gewachsen, älter geworden, aber das Wesen blieb“ schreibt Jakob von Gunten in sein Tagebuch, und in der Erzählung Der Spaziergang heißt es: „Kinder sind himmlisch, weil sie immer wie in einer Art Himmel sind. Wenn sie älter werden und aufwachsen, schwindet ihnen der Himmel, und sie fallen aus der Kindlichkeit dann in das trockene, berechnende Wesen und in die langweiligen Anschauungen der Erwachsenen.“ Walsers Werk ist in sehr starkem Maße autobiographisch geprägt, und dies gilt auch – wie wir aus zahlreichen Zeugnissen wissen – für die große Lebensfreude, die uns in seinen Prosaminiaturen und Erzählungen begegnet: „Mir gefällt die Welt halt so, wie sie ist“, bekennt er gegenüber seinem Wanderfreund Carl Seelig.[4] Dabei ist sich der hellsichtige Walser, der sich in seinem Werk auch mit den konkreten sozialen Verhältnissen seiner Zeit auseinandersetzte, selbstredend bewusst, dass die Welt neben all den Schönheiten, die sie dem aufmerksamen und sensiblen Betrachter bietet, freilich auch reichlich Widerwärtiges und Grausames bereithält („das Leben ist unfein“, Schreiben an ein Mädchen): „Ich weiß mit Bestimmtheit, dass Sie zu den Leuten gehören, die sich groß vorkommen, weil sie rücksichtslos und unhöflich sind, die sich mächtig dünken, weil sie Protektion genießen […] Leute wie Sie erkühnen sich, gegenüber der Armut und gegenüber der Unbeschütztheit hart, frech, grob und gewalttätig zu sein […] Leute wie Sie sind Protzen und sind jederzeit bereit, der Brutalität eifrig zu dienen […] Leute wie Sie respektieren das Geld, und der Respekt vor dem Geld verhindert sie, irgend etwas anderes hochzuachten. Wer redlich arbeitet und sich emsig abmüht, ist in den Augen von Leuten wie Sie ein ausgesprochener Esel“ (Der Spaziergang).

Mit der Idyllisierung der Natur und anheimelnder (ein für Walser besonders charakteristisches Wort) Kleinstädte, die Walser den Ich-Erzähler seiner Prosaminiaturen durchwandern lässt, der dabei hin und wieder auf liebenswürdige Menschen trifft, die liebevoll porträtiert werden – mit dieser „kleinen idealisierten Autobiographie“ (Jochen Greven) schuf sich Walser eine Gegenwelt im Sinne der Romantiker, wobei Walser auf den Gegensatz zwischen seiner eigenen bescheidenen und demutsvollen Daseinsform, Gedanken- und Gefühlswelt und dem zeitgeistkonformen Wesen seiner Umwelt, auf dieses Nebeneinander von Unvereinbarem, mit viel Ironie und Selbstironie, die für sein Werk ebenfalls so überaus charakteristisch sind, reagierte: „Ich verstehe euch Frauen; ihr seid hübsch, gut und liebenswürdig für die, die sichtliches Glück in der Welt haben. Vor dem Mangel, vor der Armut und vor dem Missgeschick ekelt euch“ (Frau Scheer); „[z]um Teufel mit der miserablen Sucht, mehr zu scheinen, als was man ist. Eine wahre Katastrophe ist das, die Kriegsgefahr, Tod, Elend, Hass und Verwundungen auf der Erde verbreitet und allem, was existiert, eine verwünschenswerte Maske von Bosheit und Hässlichkeit aufsetzt. So sei mir doch ein Handwerker kein Monsieur und eine einfache Frau keine Madame. Aber es will heute alles blenden und glitzern, neu und fein und schön sein, Monsieur sein und Madame sein, dass es ein Grauen ist“ (Der Spaziergang); „[d]ie Tag- und Nacht-, Lust- und Trauer-, Rühr- und Zier-, Türen- und Treppen-, Schmuck- und Kunststücke, die ich fortwährend hoffnungsvoll fortschickte, erwiesen sich meistens als unbrauchbar, passten selten oder nie in den Rahmen und entsprachen den Wünschen vielmals keineswegs. […] ʽWas dem einen missfällt, schmeckt vielleicht dem andernʼ, dachte ich und sandte das Stück nach Kuba, das sich durchaus uninteressiert zeigte. Ich glaube, das beste wird sein, wenn ich mich in eine Ecke setze und still bin“ (Das letzte Prosastück); „[w]ie alle die, die gesonnen sind, ein flottes, feines Leben zu führen, verkehrte Friseur Jünemann auf der Rennbahn, wo er bald Geld gewann und bald verlor. Auf der Rennbahn versammelt sich alles, was gern ein großer Herr sein und das Leben nur als eine Flucht und Reihenfolge von Vergnügungen und netten Genüssen betrachten und empfangen möchte. Er hatte eine Geliebte. Ei, das hätte gefehlt, wenn Friseur Jünemann keine hübsche Geliebte gehabt hätte oder hätte haben sollen. Das wäre ja ein Unrecht, eine Vergewaltigung an des Friseur Jünemanns Menschenrechten gewesen. Lieber hängen oder gleich erschießen hätte er sich mögen, als keine hübsche Freundin besitzen. Lieber wollte er ein Hund oder eine Eidechse oder ein Laubfrosch sein, als nicht zu den Leuten gehören dürfen, die ʽzu leben wissenʼ“ (Friseur Jünemann).

Von vielen Walser-Exegeten werden die saumseligen müßiggängerischen Helden seiner Werke, die sich kindlich-träumerisch und demütig-bescheiden der bürgerlichen Welt entziehen, als Sublimierung seines Scheiterns an der Realität interpretiert – doch diese Analyse ist falsch. Selbstredend waren der mangelnde Erfolg als Schriftsteller und die prekäre finanzielle Situation Belastungen für ihn, doch andererseits hielt Walser sich als Autor – im Unterschied zu so manchem „Kollegen“ – nicht für so grandios und unentbehrlich, dass er sich nicht auch mit einer anderen Existenz hätte abfinden können: „Wenn ich dieses Jahr noch die Dichterexistenz aufrechterhalten kann, will ich froh sein, niemandem zürnen und hernach vom Schauplatz abtreten, das heißt in eine Stellung gehen und in der Masse verschwinden“ schreibt er in einem Brief vom 8. Mai 1919. Gegen die These, Robert Walsers Innenleben sei (primär) vom Gefühl des Gescheitertseins beherrscht worden, spricht darüber hinaus vor allem auch die Tatsache, dass die Demut, Bescheidenheit, Genügsamkeit und Freude am Kleinen, Alltäglichen, Unscheinbaren, die viele seiner oftmals autobiographisch geprägten Figuren charakterisieren, eben auch Walser selbst eigen waren, wie zahlreiche Äußerungen von ihm, die von seinem Freund und Unterstützer Carl Seelig aufgezeichnet wurden, eindeutig erkennen lassen: „Was brauchen wir mehr als eine Wiese, einen Wald und ein paar friedliche Häuser, um zufrieden zu sein?“ fragt er Seelig während einer Wanderung und erklärt kurz darauf in einem anderen Zusammenhang: „Ich bin überzeugt, dass Hölderlin die letzten dreißig Jahre seines Lebens gar nicht so unglücklich war, wie es die Literaturprofessoren ausmalen. In einem bescheidenen Winkel dahinträumen zu können, ohne beständig Ansprüche erfüllen zu müssen, ist bestimmt kein Martyrium. Die Leute machen nur eines daraus.“[5] Ein weiterer Beleg ist Walsers Verhalten während seiner Jahre in der Anstalt: Er lehnte stets sämtliche Vergünstigungen, die ihm angeboten wurden, wie beispielsweise in Bezug auf seine Unterbringung, seine Kleidung und das Essen, ganz entschieden ab. Nein, das Gefühl, an der Wirklichkeit gescheitert zu sein, kann man diesem außergewöhnlichen Dichter und Menschen, der mit der Welt, mit dem Wunder des Daseins zutiefst einverstanden war, nicht unterjubeln: „Da und dort in all der Schweigsamkeit und in all der Stille ließ ein Vogel aus dem liebreizenden und heiligen Verborgenen heraus seine heitere Stimme vernehmen. Ich stand so und horchte, und plötzlich befiel mich ein unsagbares Weltempfinden und ein damit verbundenes, gewaltsam aus der Seele hervorbrechendes Dankbarkeitsgefühl“ (Der Spaziergang), und der Ich-Erzähler fügt hinzu, dass ihn nach dem Tode eine Erinnerung beglücken und eine Dankbarkeit beleben werde, „ein Danksagen für die Genüsse, für die Freude, für das Entzücken; ein Danksagen für das Leben und eine Freude über die Freude“.

Robert Walser gilt vielen als einer der enigmatischsten Autoren der Weltliteratur (für Elias Canetti ist er gar „der verdeckteste aller Dichter“), und er selbst war sich seiner Rätselhaftigkeit wohl auch bewusst, möglicherweise war er sich sogar selbst ein Rätsel: „Niemand ist berechtigt, sich mir gegenüber so zu benehmen, als kennte er mich“. Von seinen Lesern wird er wohl nicht zuletzt deshalb als rätselhaft empfunden, weil seine Prosa sich nicht auf Handlungen stützt, sondern das Erzählen selbst, das bei Walser ein Plaudern, ein Berichten ist, deren Gerüst darstellt, und weil er zudem Dinge, die im Allgemeinen als Nebensächlichkeiten, als vollkommen bedeutungslose Banalitäten gelten, in den Fokus seines Parlierens stellt und die großen, existenziellen Fragen nur hin und wieder wie im Vorübergehen streift: Robert Walser „erfand gleichsam das Erzählen an sich, ohne Gegenstand. Mit Dingen, die niemand sonst des Berichtens für würdig hielte, fesselt, bezaubert, ergreift er … Walser findet die anonyme Poesie des Menschen und seiner Mit- und Umwelt. Er kann es entbehren, Charaktere zu bosseln, denn jede Stunde, jeder Wald, jedes Zimmer, jede Reise, jeder Aufenthalt ist ihm ein Charakter, und sein Held … der Poet, steht dazwischen fast nur ausgespart“.[6] Walsers Schreiben geht jedoch in den späteren Jahren seines literarischen Lebens über diesen Neo-Romantismus hinaus, seine Prosaminiaturen werden nüchterner und realistischer, und oftmals geben sie in traktathafter Art und Weise ästhetische oder quasi-philosophische Reflexionen wieder.

Zu Beginn des Jahres 1929 durchleidet Robert Walser eine schwere psychische Krise und zeigt Verhaltensauffälligkeiten; ein Psychiater rät ihm, die Heilanstalt Waldau bei Bern aufzusuchen, wo Schizophrenie diagnostiziert wird; nach einiger Zeit nimmt er in der Anstalt seine literarische Arbeit wieder auf und bemüht sich auch weiterhin um Veröffentlichungen. Doch als er 1933 gegen seinen Willen und unter Anwendung körperlicher Gewalt in die psychiatrische Anstalt seines Heimatkantons Appenzell in Herisau verlegt wird, verstummt Walser für immer als Schriftsteller. Nach Aussage des Klinikdirektors Dr. Heinrich Künzler hat Walser sein dichterisches Werk zu dieser Zeit als verfehlt abgelehnt und es ironisch lächelnd als Jugendtorheit bezeichnet. Ab 1936 wird er in der Herisauer Klinik, wo er die letzten 23 Jahre seines Lebens verbringt, regelmäßig von dem Zürcher Schriftsteller und Journalisten Carl Seelig besucht, der mit Walser ausgedehnte Wanderungen unternimmt, ihn finanziell unterstützt, über ihn schreibt und auch Werke von ihm herausgibt. Am ersten Weihnachtstag des Jahres 1956 unternimmt der 78-jährige Walser ohne Begleitung eine Wanderung in der Schneelandschaft um Herisau und stirbt dabei an einem Herzschlag – Walser, bei dem Werk und Biographie so eng miteinander verwoben sind, erfährt seinen Tod in dem von ihm so sehr geliebten Schnee, also genau so wie der Dichter Sebastian in seinem 1907 erschienenen Roman Geschwister Tanner; angesichts der Umstände seines Todes mutet der folgende Passus aus seinem Prosastück Eine Weihnachtsgeschichte (1919) geradezu unheimlich an: „ʽSchneienʼ, dachte ich, ʽversetzt mich in ein glückliches Bürgertum und Familienleben. Unwillkürlich esse ich Mandeln, Orangen und Datteln und höre das Geknister von Weihnachtskerzen, die den Tannenzweig anbrennen, und habe allen lieben Festzeitsduft vor mir und wäre mit Freuden ein braver Mann, einer aus ganzem Schrot und Korn. Wie soll ich jetzt zu mir heimzugehen wagen, wo nichts Trauliches ist? Wer sich einschneien ließe und im Schnee begraben läge und sanft verendete. Hübsch ist zwar das Leben auch mit kargen Aussichtenʼ“. – –

Neben Romanen, Erzählungen, Prosaminiaturen, Bildbeschreibungen und Betrachtungen schrieb Robert Walser auch Gedichte, die jedoch vom Literaturbetrieb im Allgemeinen wenig geschätzt werden, was nun aber – wie der Schweizer Lyriker Urs Allemann hervorhebt – keineswegs auf poetische Defizite Walsers zurückzuführen ist, sondern vielmehr auf den „traditionalistisch bornierte[n] poetische[n] Horizont seiner Kritiker“.[7] Robert Walsers besondere Stärke ist zweifellos die Prosa der kleinen Form, die für Hermann Hesse mit ihrer „magischen Verliebtheit in die Sprache zur graziösesten deutschen Prosa [gehört], die noch nicht übertroffen oder im geringsten veraltet“ sei. Dass es sich jedoch durchaus auch lohnt, sich mit Walsers Lyrik zu befassen, zeigt beispielsweise das folgende Gedicht, das 1928 entstand, also ein Jahr bevor Robert Walser sich wegen seiner psychischen Krise in die Heilanstalt Waldau bei Bern begab. Es zeigt zwei sich deutlich voneinander unterscheidende Welten und Tonfälle: Während im ersten Teil in dem für Walser typischen Plauderton davon gesprochen wird, wie das Suchen und Gewahrwerden der Göttin, die als pars pro toto für alles Schöne zu verstehen ist, die Seele des lyrischen Ichs bezaubert und bereichert, beginnt im zehnten Vers die Klage des Sprechers darüber, dass seiner Seele die Begeisterung für das Schöne abhandengekommen ist und sie gegenüber dem Zauber der Welt gleichgültig wurde.

Was fiel mir ein?

Ja, es war hübsch für mich, mich nach der Göttin
zu sehnen, alle Plätze, alle Straßen hatten
ein Ansehn wie von reicherer Lebendigkeit.
Wie warʼs mir mannigfaltig in der Seele, seit
ich sie für auserlesen herrlich hielt,
obschon ich offenherzig zu mir sprach: „Sie schielt.“
Das Fehlen der vollkommnen Schönheit
gab mir zu glauben Grund, sie sei die Schönste,
da Zärtlichkeit ja doch die Bildnerin
selbst ist. Wie kühl ist mit der Zeit das Herz mir
geworden. Habe ich den Schmerz vergessen,
der eigentlich das Sonnigste des Lebens ist,
woran ich mich erquickte, wie ich noch an keinem
Vergnügen hing? Wann ging die feine Stäubung
dem Schmetterling in mir verloren?
Wann fing es an, wann, wo begann, was mich
entfärbte, weshalb warʼs mir eines Tages nicht
mehr möglich, süß um sie zu sterben, so
wie Liebende den blumenduftenden
Tod verstehen? Sieht für mich nun alles wie
entzaubert aus, doch müssen nicht die andern
auch lieblos durch das lange Leben wandern?
Was fiel mir schönheitstrunkner Seele ein?

 

[1] Der Schweizer Schriftsteller Peter Bichsel bekannte einmal, dass er alle seine Bücher von Robert Walser verschenkt habe, weil er Angst gehabt habe, in seiner Faszination für diesen Autor völlig unterzugehen.

[2] Einige Manuskripte werden nie publiziert, weil kein Verlag sie annimmt, zudem wird vermutet, dass der ein oder andere Text von Walser vernichtet wurde.

[3] Mit seiner enormen Begeisterungsfähigkeit ist Robert Walser ein Auserwählter im Sinne Dostojewskis: „Halte deine Begeisterung hoch, denn sie ist ein großes Geschenk Gottes, das nicht vielen verliehen wird, sondern nur den Auserwählten“ (Dostojewski, Die Brüder Karamasoff).

[4] Carl Seelig: Wanderungen mit Robert Walser, Frankfurt am Main, Suhrkamp, 14. Auflage 2015, S. 68.

[5] Carl Seelig: Wanderungen mit Robert Walser, Frankfurt am Main, Suhrkamp, 14. Auflage 2015, S. 47.

[6] So analysierte ein Zeitgenosse, der Dichter, Lektor und Literaturkritiker Oskar Loerke, Walsers Schreiben (vgl. Robert Walser. Sein Leben in Bildern und Texten. Herausgegeben und gestaltet von Bernhard Echte, Frankfurt am Main, Suhrkamp, 2008, S. 320).

[7] Robert Walser: Der Schnee fällt nicht hinauf. Dreiunddreißig Gedichte. Ausgewählt und kommentiert von Urs Allemann, Frankfurt am Main, Insel, 2009, S. 14.