Rudolf G. Binding: der Zauber der Mosel

Es gibt viele (literarische) Beschreibungen der Mosel. Die aus meiner Sicht treffendste und tiefsinnigste stammt von dem deutschen Schriftsteller Rudolf G. Binding (1867–1938). In seiner Moselfahrt aus Liebeskummer. Novelle in einer Landschaft (1932), in der nicht nur das Moseltal, sondern auch der Moselwein und die Menschen dieser Kulturlandschaft besungen werden, heißt es: „Die Mosel liegt abseits, auch ihre Schönheit, ihre Reize sind abseits. Fast könnte man sagen: fremd. Feinzart, unmerklich ist ihr Zauber, den dennoch jeder Empfindende an sich erfährt. Er ist sanft, aber sehr eigen. Er ist stark, aber verhalten. Er ist eindringlich, aber stille. Er ist licht, aber gedämpft. Er ist tief, aber ungewöhnlich. Er ist bestimmt, aber nicht handgreiflich. Er ist unvergesslich, aber leicht. […] Mit keinem anderen Fluss unseres Vaterlandes, sagte ich mir, ist die Mosel zu vergleichen. Sie ist landschaftlich westlicher, man möchte ruhig sagen: französischer als alle. Sie ist sehr anders geartet als der Rhein, mit dem sie so häufig verglichen wird, als sei sie ein „kleiner Rhein“. Wo er erregt, beruhigt, beglückt sie. Wo er Sehnsüchte weckt, bringt sie Erfüllung. Wo er berauscht, macht sie gefasst. Wo er ins Weite treibt, da schließt sie ab. Wo er überschwänglich wird, da hält sie inne. Wo er heldenhaft eine breite Ebene und die Gebirge weithin beherrscht, die Landschaft bestimmt und sich in unablässigem Lauf unterwirft, da geht die Mosel ein Bündnis ein. Die Züge des Rheinischen Schiefergebirges stellen sich ihr quer in den Weg. Wenn sie einst mit Gewalt durch die vielen Riegel der gleichförmigen Geschiebe brach, so war es doch mehr List, die sie schlangengleich in vielfachen Schleifen zum Ziele führte, als siegreicher Durchbruch. Immer hält sie wieder an sich, umgeht, fließt fast zurück zur Stelle des letzten Ausbiegens, begnügt sich mit Windung nach Windung zwischen dem verworfenen Getäfel, bis sie in einem beruhigten, belebenden Gleichgewicht mit den Elementen ruht. Sowenig sie fehlen darf zwischen den wechselnden Hängen der Reben, die bald rechts, bald links, bald auf beiden Seiten sie begleiten, sowenig bestimmt sie. Rebland mit Fluss, Fluss mit Rebland in gleicher Geltung, bis weit hinauf, wo waldige Kämme die Terrassen der Berge überziehen. […] Wollte man den Charakter der Landschaft bezeichnen, so könnte man kaum von mehr sprechen als von leichter Ruhe, ruhiger Leichtigkeit. Und das ist viel. Legte man die beiden Charakterelemente der Leichtigkeit und Ruhe in zwei Waagschalen, sie würden sich aufheben. So sind sie gemischt zu einer bezaubernden Grazie, Reinheit, Bekömmlichkeit.“

(Rudolf G. Binding: Moselfahrt aus Liebeskummer. Novelle in einer Landschaft, Gütersloh, Bertelsmann, 1957, S. 6, 14–20, 22–23)