Sappho

Die von der griechischen Insel Lesbos stammende Sappho (heute übliche Aussprache: sápfo, mit stimmhaftem s und langem geschlossenem o) gilt in der abendländischen Kulturgeschichte als die erste und bis heute berühmteste Dichterin der Liebe – Platon nennt sie gar die zehnte Muse. Über Selbstaussagen in ihren Gedichten hinaus liegen uns kaum gesicherte Angaben über ihr Leben vor: Sie wurde zwischen 630 und 612 v. Chr. geboren und starb um 570 v. Chr.; zwischen 603 und 595 v. Chr. befand sie sich wegen politischer Kämpfe zwischen Volk und Adel in ihrer Heimat Lesbos im Exil in Sizilien. Sappho wurde nicht nur von vielen antiken griechischen Dichtern bewundert, sondern auch von römischen Autoren, wie etwa von Horaz und Ovid (der behauptete, es gäbe nichts Sinnlicheres als Sapphos Poesie), und noch sechshundert Jahre nach ihrer Zeit wurden ihre Gedichte auch von den Römern bei Ess- und Trinkgelagen zur Lyra gesungen. Bei diesem glanzvollen Ruhm konnte es freilich nicht ausbleiben, dass die spärlichen Angaben zur Vita unserer Dichterin durch allerlei Mutmaßungen und Legenden ergänzt wurden. In der Literatur über Sappho wird beinahe ausnahmslos davon ausgegangen, dass die Dichterin auf der Insel Lesbos Leiterin einer musischen Erziehungsgemeinschaft junger Mädchen aus vornehmen Familien gewesen sei, die sie auf ihre spätere Rolle als Ehefrauen vorbereitet habe, wobei Gesänge, Tänze, Literatur, Religion und auch die sexuelle Initiation zu den festen Bestandteilen des „Ausbildungsprogramms“ gehört hätten. Dass Sappho eine sehr sinnliche Frau und vielen jungen Mädchen erotisch-sexuell zugetan war, kann nach Ausweis der auf uns gekommenen Gedichtfragmente (nur ein einziges vollständiges Gedicht ist überliefert) nicht in Zweifel gezogen werden – und insofern darf Sappho zu Recht als „Begründerin“ der nach ihrer Heimatinsel benannten lesbischen Liebe bezeichnet werden:[1]

Wieder fällt Eros mich an, der gliederlösende,
bittersüßes, unwiderstehliches Untier.
(…)
Atthis, dir wurde verhasst, an mich
zu denken, auf Andromeda fliegst du.

***
Eros hat meine Sinne erschüttert,
wie ein Sturm bergabwärts in Eichen fällt.

Für die ihr zugeschriebene pädagogische Rolle hingegen bieten ihre Verse keinerlei Anhaltspunkte: Zwar ist hier und da die Rede davon, dass Sappho mit anderen Mädchen Lieder singe und tanze („Unaufhörlich singen wir Mädchen unsre Lieder“), doch an keiner Stelle wird – wie der Altphilologe Wilfried Stroh betont (vgl.: http://stroh.userweb.mwn.de/schriften/sappho.html; Zugriff vom 14.3.2017) – von einer erzieherischen Gemeinschaft oder von einem auf Ausbildung abzielenden Verhältnis zu einem oder mehreren Mädchen gesprochen. Offenkundig haben wir es hier mit dem verbreiteten Phänomen der „Abschreibitis“ zu tun, das heißt, das einmal in die Welt Gesetzte wird ohne Prüfung einfach immer wieder repetiert.

Sapphos berühmteste Zeilen, die man ihr auch schon einmal – allerdings mit letztlich eher wenig überzeugenden Argumenten – abgesprochen hat, sind die folgenden:[2]

Gesunken ist der Mond
und die Pleiaden. Mitter-
nacht. Vorbei geht die Stunde –
und ich schlaf’ allein.

Diese Verse entfalten vor allem deshalb eine so starke Wirkung auf den Leser, weil hier in ganz wenigen Zeilen gleich mehrere Aspekte der conditio humana zum Ausdruck gebracht werden: Vergänglichkeit, (ersehnte) Liebe, Verhältnis von Mensch und Natur/Kosmos. Hinzu kommt die starke Bildlichkeit: Bei der Lektüre wird so mancher poesieaffine Leser vor seinem inneren Auge sehen, wie die blumenbekränzte, in ihren Chiton gehüllte und von einem sanften sommerlichen Ägäiswind umwehte Sappho sehnsuchtsvoll und nachdenklich auf ihrem Nachtlager ruht. Ein weiterer besonderer Reiz dieses Gedichts verdankt sich dem inhaltlichen Kontrast zwischen der letzten Zeile und den drei vorangehenden: „Denn dem Ich, das sich damit abfinden muss, allein zu schlafen, steht eine ganze Welt gegenüber: die im Untergang des Mondes und des Siebengestirns der Plejaden, in der Präsenz der Mitternacht und im Vergehen der Stunde sichtbar werdende Zeit und der mit ihr zugleich vor Augen gestellte, sie umwölbende Raum des unermesslichen Himmels. Das erst in der letzten Zeile auftretende Ich wird aber von dieser Übermacht nicht erdrückt, es hält ihr stand – kraft der Größe seines Liebesverlangens, der Tiefe seiner enttäuschten Sehnsucht. Das Wunder des Gedichts besteht darin, dass es mit vier kleinen, ganz gewöhnlichen Wörtern auskommt, die das Gewicht der Welt tragen“.[3]

[1] Die folgenden Gedichtfragmente zitiert nach: Sappho, Und ich schlafe allein. Gedichte. Neu übersetzt und erklärt von Albert von Schirnding, München, Beck, 2013, S. 39, 41.

[2] Fünfzig griechische Gedichte. Stuttgart, Reclam, 2001, S. 48.

[3] Sappho, Und ich schlafe allein. Gedichte, München, Beck, 2013, S. 154.