Sarah Vaughan: Vaughan and violins

Sarah Vaughan (1924–1990) bildet zusammen mit Billie Holiday und Ella Fitzgerald das bekannte Dreigestirn der größten Sängerinnen in der Geschichte des Jazz, wobei „Sassy“, die voller Bewunderung „die Göttliche“ („the Divine One“) genannt und mitunter auch als „schwarze Callas“ bezeichnet wird, für meine Ohren mit deutlichem Abstand vor ihren beiden Kolleginnen rangiert.[1] Ihre Stimme umfasste drei Oktaven, vom Alt- bis in den höchsten Sopran-Bereich hinein. Drei Oktaven meisterte auch Ella Fitzgerald, doch Vaughans Gesang ist aufgrund ihrer unglaublichen Fähigkeiten in Bezug auf Modulation und kontrolliertes Vibrato variabler als jener von Lady Ella. Frank Sinatra schrieb: „Sassy is so good now that when I listen to her I want to cut my wrists with a dull razor“; nüchterner und technischer fällt das Lob von Joachim-Ernst Berendt in der von ihm verfassten „Jazzbibel“ aus: „Sarah Vaughan ist die erste Jazzsängerin mit einem Stimmumfang, der dem einer Opernsängerin nicht nachsteht. Ja, „Sassy“, wie sie genannt wurde, gebietet über eine stimmliche Flexibilität und einen Modulationsreichtum, mit denen verglichen mancher Koloratursopran blass wirkt. Sie kann gleißende Linien erfinden, die den gesamten Stimmumfang innerhalb von zwei Takten überbrücken. Jedes Vibrato, das sie singt, modelliert sie wie eine andere Skulptur. Ihr reicher, dunkler Kontra-Alt hat einen neuen Ton in den Jazzgesang gebracht. In der Fähigkeit, diesen Ton auf die vielfältigste Art und Weise zu verändern und mit emotionalem Inhalt buchstäblich „aufzuladen“, ist sie jeder anderen Jazzsängerin überlegen.“[2] Mit diesen besonderen Fähigkeiten machte „Sassy“, die sich selbst nicht als Jazzsängerin sah, sogar aus so mancher ziemlich biederen und langweiligen Popmusiknummer ein berauschendes Fest für die Ohren, von dem man sich wünscht, es möge nie enden. Sarah Vaughan hat im Laufe ihrer langen Karriere viele Platten eingespielt, meine Lieblingsaufnahme von ihr ist Vaughan and violins, die 1958 in Paris aufgenommen und im Jahre 2002 in einer exzellenten Tonqualität wieder aufgelegt wurde. Die atemberaubend flexible Stimme von „Sassy“ und die sie begleitenden Musiker, allen voran die Streicher, erzeugen eine Schönheit, die einen überwältigt. Dass dieses Album ein absolutes Meisterwerk, eine der schönsten Aufnahmen im Bereich des Vocal Jazz überhaupt wurde, verdankt sich daneben aber auch dem legendären Quincy Jones, der für die Orchestrierung und die Arrangements verantwortlich zeichnet (Jones hat seine Musikausbildung u.a. in Paris bei Nadia Boulanger, der Grand Dame der europäischen Kompositionsdidaktik und Musikpädagogik, absolviert und später mit Größen wie Frank Sinatra, Ray Charles, Aretha Franklin, Ella Fitzgerald, Michael Jackson usw. gearbeitet). „Alles über Kunst Gesagte klingt wie schlechte Übersetzung“ schrieb der große deutsche Kunsthistoriker Max J. Friedländer, und daher wollen wir nun schweigen und zuhören:

 

Sarah Vaughan: Vaughan and violins
Gitanes Jazz Productions, 2002 (Reissue, Remastered)
Jazz in Paris – 83

 

[1] Aufgrund ihrer herausragenden gesanglichen Qualitäten sollte hier eigentlich auch Carmen McRae angeführt und somit das Trio zu einem Jazzdiven-Quartett erweitert werden; des Weiteren ist zu betonen, dass die von mir geliebte Nina Simone hier deshalb unberücksichtigt bleibt, weil die „High Priestess of Soul“ im Unterschied zu den vier genannten Sängerinnen außer im Jazz auch noch in vielen anderen Stilrichtungen beheimatet war (Soul, Blues, R&B, Folk, klassische Musik) und vorrangig als Soul- und Bluessängerin gilt.

[2] Joachim-Ernst Berendt/Günther Huesmann, Das Jazzbuch. Von New Orleans bis ins 21. Jahrhundert, Frankfurt am Main, Fischer, 3. Auflage 2011, S. 724.