Schopenhauer über Begabung und Mittelmaß

„Dass oft die allerbesten Gaben
Die wenigsten Bewundʼrer haben,
Und dass der größte Theil der Welt
Das Schlechte für das Gute hält;
Dies Uebel sieht man alle Tage.
Jedoch, wie wehrt man dieser Pest?
Ich zweifle, dass sich diese Plage
Aus unsrer Welt verdrängen lässt.
Ein einzig Mittel ist auf Erden,
Allein es ist unendlich schwer:
Die Narren müssen weise werden;
Und seht! sie werden‘s nimmermehr.
Nie kennen sie den Werth der Dinge.
Ihr Auge schließt, nicht der Verstand:
Sie loben ewig das Geringe,
Weil sie das Gute nie gekannt.“

Diese Klage von Christian Fürchtegott Gellert zitiert Arthur Schopenhauer in seinen Aphorismen zur Lebensweisheit und ergänzt:

„Zu dieser intellektuellen Unfähigkeit der Menschen, in Folge welcher das Vortreffliche, wie Goethe sagt, noch seltener erkannt und geschätzt, als gefunden wird, gesellt sich nun, hier wie überall, auch noch die moralische Schlechtigkeit derselben, und zwar als Neid auftretend. Durch den Ruhm nämlich, den Einer erwirbt, wird abermals Einer mehr über Alle seiner Art erhoben: diese werden also um eben so viel herabgesetzt, so dass jedes ausgezeichnete Verdienst seinen Ruhm auf Kosten Derer erlangt, die keines haben. (…) Hieraus erklärt es sich, dass, in welcher Gattung auch immer das Vortreffliche auftreten mag, sogleich die gesamte, so zahlreiche Mittelmäßigkeit verbündet und verschworen ist, es nicht gelten zu lassen, ja, womöglich, es zu ersticken. Sogar auch Die, welche selbst Verdienst besitzen und bereits den Ruhm desselben erlangt haben, werden nicht gern das Auftreten eines neuen Ruhmes sehn, durch dessen Glanz der des ihrigen um so viel weniger leuchtet.“