Schopenhauer über Glück und Genuss

In seinen Aphorismen zur Lebensweisheit schreibt Arthur Schopenhauer:

„[D]urch seine [des Menschen, S.B.] Individualität ist das Maß seines möglichen Glückes zum Voraus bestimmt. Besonders haben die Schranken seiner Geisteskräfte seine Fähigkeit für erhöhten Genuss ein für allemal festgestellt. Sind sie eng, so werden alle Bemühungen von außen, alles was Menschen, alles was das Glück für ihn tut, nicht vermögen, ihn über das Maß des gewöhnlichen, halb tierischen Menschenglücks und Behagens hinauszuführen: auf Sinnengenuss, trauliches und heiteres Familienleben, niedrige Geselligkeit und vulgären Zeitvertreib bleibt er angewiesen: sogar die Bildung vermag im Ganzen, zur Erweiterung jenes Kreises, nicht gar viel, wenngleich etwas. Denn die höchsten, die mannigfaltigsten und die anhaltendsten Genüsse sind die geistigen; wie sehr auch wir, in der Jugend, uns darüber täuschen mögen; diese aber hängen hauptsächlich von der geistigen Kraft ab. – Hieraus also ist klar, wie sehr unser Glück abhängt von dem, was wir sind, von unserer Individualität; während man meistens nur unser Schicksal, nur das, was wir haben, oder was wir vorstellen, in Anschlag bringt. Das Schicksal aber kann sich bessern: zudem wird man, bei innerem Reichtum, von ihm nicht viel verlangen: hingegen ein Tropf bleibt ein Tropf, ein stumpfer Klotz ein stumpfer Klotz, bis an sein Ende, und wäre er im Paradiese und von Huris umgeben.“

Der bedeutendste Schriftsteller unserer Zeit, Michel Houellebecq, macht zu diesem Passus die folgenden treffenden Anmerkungen:

„Der letzte Hinweis mag überraschen, ebenso wie die Verwendung des allgemeinen Ausdrucks „Genüsse“. Dass ein Schwachkopf weniger fähig sein mag, die Schönheit einer Symphonie oder eines subtilen Gedankengangs zu genießen, glaubt man ohne Weiteres, im Hinblick auf beispielsweise eine Fellatio hingegen überrascht es; die Erfahrung bestätigt es dennoch. Die Tiefe des Behagens und selbst der sexuellen Lust wurzelt im Verstand und wächst proportional zu seiner Kapazität; unglücklicherweise verhält es sich mit dem Leid genauso.

Nicht ohne Traurigkeit liest man hier von den einfachen Freuden des gewöhnlichen Menschen („trauliches und heiteres Familienleben, niedrige Geselligkeit“), so sehr erscheinen sie unserer modernen Gesellschaft wie ein verlorenes Paradies; selbst die Sinnesfreuden sind immer weniger von Dauer. Und wenn all dieses Glück schwindet, dann sicherlich nicht zugunsten eines „erhöhten Genusses“ geistiger Natur, sondern vielmehr zugunsten jener Errungenschaften, die für Schopenhauer nur Augenwischerei waren: Geld und Ansehen […] schon diese Feststellung reicht aus, um die gesamte moderne Gesellschaft zu verdammen.“

(Michel Houellebecq, In Schopenhauers Gegenwart, DuMont, 2017, S. 64f.)