Schuberts letzte Sonate

Kunst ist nicht nur schön, sondern sie lässt den Menschen auch die Tristesse des Daseins, das Elend dieser Welt vergessen oder spendet ihm zumindest Trost („Die Wahrheit ist hässlich: wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zu Grunde gehen“; Friedrich Nietzsche, Nachgelassene Fragmente). Unter allen Künsten ist hier die Musik mit Abstand die wirkmächtigste, da sie die menschliche Seele am unmittelbarsten und am eindringlichsten anspricht. Zu den überirdisch-genialen Kompositionen der Musikgeschichte zählt Schuberts letzte Sonate, die Klaviersonate Nr. 21 B-Dur D 960, die er nur wenige Wochen vor seinem frühen Tod vollendete. Das Werk wird überwiegend düster gedeutet, man sieht in ihm vornehmlich den Ausdruck von Resignation, seliger Trauer, Todesnähe oder Todesahnung, Interpretationen, die meines Erachtens nicht ins Schwarze treffen. Zwar herrscht in dieser Sonate, die durch die für Schubert so charakteristische Wanderbewegung geprägt ist, zu weiten Teilen eine dunkle Stimmung von Schwermut und Niedergeschlagenheit, die durch Fermaten und Pausen in ihrer Wirkung noch eine Intensivierung erfährt – doch daneben gibt es eben auch die melodiösen, lichtvollen Passagen, die nun ihrerseits eine friedvolle Gelassenheit, ja sogar Zuversicht ausstrahlen. So wie in anderen Klaviersonaten Schuberts werden auch in der B-Dur-Sonate Motive häufig wiederholt, was für das sisyphoshafte Streben des Menschen nach einer Antwort, einer Sinnzuweisung für sein Dasein steht. Für mich zeigt sich Schubert in seiner letzten Sonate als eine Art Existenzialist avant la lettre, und zwar als Existenzialist à la Camus: Der Mensch, der die Welt beständig nach Sinn befragt, dabei aber stets nur ein Schweigen als Antwort erhält, erkennt schließlich die Sinnlosigkeit seines Bemühens, resigniert jedoch nicht, sondern nimmt vielmehr sein absurdes Schicksal an, entledigt sich also seiner metaphysischen Besorgnis und gelangt dadurch zu Seelenfrieden, Freiheit und Daseinszugewandtheit – und somit zu sich selbst. Ganz ähnlich verhält es sich in Schuberts letzter Sonate: Die Annahme des Schicksals ist hier ein mit vollkommener Seelenruhe einhergehendes Bejahen des uns nun einmal bestimmten Loses. „Der Mensch gleicht einem Ball, mit dem Zufall und Leidenschaft spielen“ (Franz Schubert, Tagebucheintrag vom 8. September 1816). – Es gibt mehrere Einspielungen von Schuberts B-Dur-Sonate, die ich als besonders geglückt betrachte, so wie beispielsweise die Aufnahmen von Sergio Fiorentino und Radu Lupu und auch die an Eigenwillen so überreiche Darbietung von Valery Afanassiev, doch die schönste, die eindrucksvollste und die Seele des Hörers am stärksten in ihren Bann ziehende Interpretation stammt nach meinem Dafürhalten von Swjatoslaw Richter.

Sviatoslav Richter: Schubert Piano Sonatas 19, 21
Alto, 2010