Sergei Jessenin

„O
solln sie sich
gelegentlich erinnern,
es gab …
seltsame Menschen hier auf Erden.“
(Sergei Jessenin)

„Sergej Alexandrowitsch Jessenin, der halbwüchsig aus seinem Rjasaner Dorf auszog, um als Dichter Moskau und Petersburg zu erobern, ist neben W. W. Majakowskij die markanteste Persönlichkeit der russischen Dichtung dieses Jahrhunderts. Wie Majakowskij der ʽerste Schreihalsʼ der Revolution, so ist Jessenin der ʽletzte Dorfpoetʼ, ein Sinnbild für das Sterben des gleichzeitig ʽweinenden und tanzendenʼ bäuerlichen Russland. Er hat in seinem Lande das romantische Volkslied der Moderne geschaffen, in malerischer Manier, musikalischen Rhythmen und in einer Sprache voller Überraschungen. Seinen Gedichten liegt stets ein tiefes, ganz und gar unstilisiertes, ungekünsteltes, unintellektuelles Erlebnis zugrunde – oft überschattet von Trauer, Todesahnung, Unfähigkeit, sich in der Welt, so wie sie war und wie sie wurde, zurechtzufinden. Ein melancholischer Abgesang einer ratlosen, untergehenden Welt“ – so beginnt der Übersetzer Karl Dedecius das Nachwort zu seinen Übertragungen ausgewählter Jessenin-Gedichte,[1] und besser lassen sich dessen Leben und Werk in wenigen Zeilen nicht zusammenfassen.

Sergei Jessenin wurde am 3. Oktober 1895 in dem Dorf Konstantinowo (im zentralrussischen Gouvernement Rjasan) geboren und verbrachte den größten Teil seiner Kindheit bei den Großeltern. Der Vater war viele Jahre (bis zur Oktoberrevolution) von der Familie getrennt, weil er in Moskau als Fleischer arbeitete, und die Mutter wurde von der Familie gezwungen, in die Kreisstadt zu ziehen, um dort den Lebensunterhalt zu verdienen. Die Natur, die ländliche Umgebung des Dorfes, wurde Jessenin zur Heimat, ersetzte ihm das Elternhaus. Die Großeltern machten ihn mit der Bibel sowie mit den geistlichen Gesängen, Volksliedern und Märchen des alten Russland vertraut, und der Großvater brachte ihm schon früh, im Alter von fünf Jahren, das Lesen bei. Wie so viele Dichter blickte Jessenin auf seine Kindheit mit idyllisierenden Augen zurück, vor allem in seinen kleinen Autobiographien von 1922, 1923, 1924 und 1925: Von zu Hause ausreißen, auf Bäume klettern und in Seen schwimmen, tagelang mit Hirten in Wiesen und Steppen leben, Fische braten, nachts die Pferde tränken … und schließlich die langen Märsche mit seiner Großmutter in die umliegenden Klöster.

Jessenin war ein guter Schüler und durfte daher das Lehrerseminar besuchen, wo er auch seine ersten Gedichte verfasste (1910–1912). Im Frühjahr 1912 ging er nach Moskau, um in dem Kontor, in dem auch sein Vater tätig war, zu arbeiten. Seine Studienpläne verwarf er, träumte stattdessen von einem Leben als Schriftsteller und überwarf sich mit seinem Vater; Jessenin heiratete ein Mädchen aus dem Volk, die ihm einen Sohn schenkte, doch kurz darauf scheiterte die Ehe. 1915 fuhr er nach Sankt Petersburg und ging direkt vom Bahnhof zu dem bekannten Dichter Alexander Blok, der ihn in die literarische Welt der Zarenstadt einführte. Bei seinen Auftritten in diesen Zirkeln sang Jessenin Lieder zur Laute und rezitierte Gedichte, die Majakowskij als Schmachtserenaden abtat, während Gorki Tränen über das Gesicht liefen: „Nach diesen Versen musste ich unwillkürlich denken, Sergej Jessenin sei gar kein Mensch, sondern ein von der Natur ausschließlich für Poesie erschaffenes Organ“.[2] Jessenin wurde in den unter Mangel an Abwechslung und Langeweile leidenden literarischen Salons aufgrund seiner Kleidung und wegen des frischen Tons und den neuen Themen seiner Lyrik rasch zu einer Attraktion: In Bastschuhen und Bauernhemd auftretend sprach er in seinen Versen von blauer Himmelsseide, Vogelbeeren, Himbeerweiten, den Klagen des Auerhahns, von Birken und Weiden, die er umarmen möchte …

Die Revolution von 1917 wurde von Jessenin zunächst euphorisch als „Rettung der Welt vor der Hoffnungslosigkeit des Spießertums“ begrüßt, und er träumte von einem „Weltgarten“ der Künste und von einem irdischen Bauernparadies – schon bald wurde ihm jedoch klar, dass der sich bahnbrechende Sozialismus den Tod der individuellen Persönlichkeit, des geistigen Menschen bedeutet und dass Industrialisierung und Technisierung den Untergang des von ihm geliebten (doch keineswegs verklärten) ländlichen Russlands bewirken werden: „Es bedrückt mich, dass die Geschichte eine schwere Epoche durchmacht, in der die Persönlichkeit als etwas Lebendiges getötet wird, denn der Sozialismus ist gar nicht so, wie ich ihn mir vorgestellt hatte, sondern etwas genau Umrissenes und Zweckgerichtetes … ohne Ruhm und ohne Träume. Eng ist er für den Lebendigen, für einen, der die Brücke baut in die unsichtbare Welt, denn diese Brücken werden den kommenden Generationen unter den Beinen weggeschlagen und weggesprengt“.[3]

1918 ging Jessenin nach Moskau und reihte sich in die „vorderste Front der Imaginisten“ ein, die in ihrer Deklaration von 1919 das „freie, leichte Dasein der Poesie“ feierten und sich damit gegen das didaktische Konzept der beiden Doktrinen wandten, die seinerzeit in der Kulturpolitik der Kommunistischen Partei vorherrschend waren (Proletkult und Futurismus). Da das geistig-künstlerische Programm der Imaginisten jedoch recht dürftig ausfiel, verschwanden sie bald wieder von der Bühne, und Jessenin nahm nun voll und ganz eine neue Rolle an, vor allem wohl deshalb, weil ihm als Künstler in Moskau nicht der Erfolg zuteilwurde, den er sich erhofft hatte, und er darüber hinaus von der Revolution enttäuscht war: Der naturverbundene Dichter des russischen Dorfes gebärdete sich als Rowdy, als Hooligan[4] und zog mit seiner Trunksucht durch die Moskauer Kneipen, wo er Prostituierten seine Gedichte vortrug:

[…]

Wenn nachts dann der Mondschein schimmert,
er schimmert … teuflischer Fleck!
Dann schleich ich, kopfunten wie immer,
in meine Kaschemme ums Eck.

Radau füllt die Lasterhöhle,
ich bleib bis zum Morgen dort,
sauf Schnaps mit den Gaunern und gröhle
Gedichte den Dirnen ins Ohr.

Dann hämmert mein Herz immer schneller;
gleich lallʼ ich mit glasigem Blick:
„Bin futsch so wie ihr, Gesellen,
es gibt keinen Weg mehr zurück.“

Die Hütte, sie krümmt sich, verlassen,
mein Köter ist lange schon tot.
In den Moskauer Winkelgassen
da geh ich zugrunde, weiß Gott.
(1922)[5]

Jessenins schwankendes Gemüt zeigt sich auch in seinen Liebesbeziehungen: Zwischen 1914 und 1925 war er dreimal verheiratet und wurde Vater von vier Kindern, darunter zwei uneheliche. Im Mai 1922 heiratete er die 17 Jahre ältere Isadora Duncan, eine weltberühmte amerikanische Tänzerin, die er Ende 1921 kennengelernt hatte. Wenige Tage nach der Hochzeit brechen die beiden zu einer Reise durch Westeuropa und die USA auf – zunächst in euphorischer Stimmung, doch dann tritt bei Jessenin Ernüchterung ein: „Deutschland? Darüber reden wir später, wenn wir uns wiedersehen, aber das eigentliche Leben findet nicht hier statt, sondern bei uns. Hier vollzieht sich tatsächlich der langsame, traurige Untergang, von dem Spengler spricht. Mögen wir Asiaten sein, schlecht riechen, uns unter aller Augen ungeniert den Hintern kratzen, so stinken wir zumindest nicht so leichenhaft, wie sie innerlich stinken. Hier kann es überhaupt keine Revolution geben. Alles ist in eine Sackgasse geraten. Retten und umgestalten kann sie nur ein Überfall solcher Barbaren, wie wir es sind. Nötig ist ein Feldzug gegen Europa“ (aus einem Brief vom Juni 1922);[6] und über die Amerikaner und deren Kultur schreibt er: „Der amerikanische Foxtrott ist nichts anderes als ein verwässerter Nationaltanz der Neger. Im Übrigen sind die Neger ein recht primitives Volk mit ungezügelten Sitten. Nicht weniger primitiv sind, was ihre innere Kultur betrifft, die Amerikaner selbst. Die Herrschaft des Dollars hat bei ihnen jegliches Interesse für kompliziertere Fragen aufgefressen. Der Amerikaner widmet sich ganz und gar seinem Business, von etwas anderem will er nichts wissen. Die Kunst Amerikas befindet sich auf der Entwicklungsstufe“.[7] Der Aufenthalt in Amerika geriet nicht zuletzt auch deshalb zum Fiasko, weil Jessenins Narzissmus es nicht verkraftete, jenseits des Atlantiks lediglich als der junge Ehemann der Duncan wahrgenommen zu werden und er sich daher darauf versteifte, den Rowdy zu geben: „Ja, ich habe Skandale herbeigeführt, ich musste das tun. Ich musste das tun, damit sie mich zur Kenntnis nahmen und mich in Erinnerung behielten. Sollte ich ihnen Gedichte vorlesen? Amerikanern Gedichte vorlesen? Ich hätte mich in ihren Augen nur lächerlich gemacht. Aber die Tischdecke mit dem ganzen Geschirr vom Tisch ziehen, im Theater laut pfeifen, den Straßenverkehr durcheinanderbringen – das verstehen sie“.[8] Nach der Rückkehr des Paares nach Europa geht das Drama jedoch weiter, ja wird sogar noch schlimmer: Nach Schlägereien und Zerstörungsorgien ist kein Hotel in Paris mehr bereit, die beiden als Gäste aufzunehmen; die französische Polizei zwingt Jessenin zur Ausreise, der im Sommer 1923 nach Russland zurückkehrt. Durch seine Alkoholsucht ist Jessenin sowohl seelisch als auch physisch zerstört, sein Name taucht öfter in Polizeiberichten als in den Feuilletons auf, er hat Halluzinationen und leidet unter Verfolgungswahn, was ihn dazu bewegt, sich mehrere Male in Nervenheilanstalten behandeln zu lassen. Einem auf den 6. April 1924 datierten Brief von Galina Benislawskaja, einer Freundin des Dichters, die für ihn als Sekretärin arbeitete und ein Jahr nach Jessenins Tod an dessen Grab Selbstmord beging, ist zu entnehmen, dass Jessenin in dieser Zeit einen drastischen Wandel in seinem Wesen und seinem Verhältnis zur Welt offenbarte: „Sie sind jetzt taub, Sie nehmen niemanden mehr wahr, fühlen niemanden mehr. Keiner dringt zu Ihnen durch. […] Sie hören zu, und ich sehe und spüre, dass Sie das Gespräch so schnell wie möglich beenden wollen. Es ist, als seien Sie durch eine Glaswand von der Welt getrennt, Sie sind hinter dem Glas. Daher glauben Sie, dass Sie alles sehen, alles verstehen, während Sie in Wirklichkeit gar nicht bei uns sind. Sie sind vollkommen allein, ganz für sich, auf der anderen Seite des Glases. […] Sie sind im Augenblick irgendwie ʽunwirklichʼ. Sie sind ständig abwesend. Denken Sie nicht, das muss so sein. Sie haben sich ganz auf sich zurückgezogen, Sie stülpen ständig Ihre Seele um, Ihre Stimmungen, Ihre Empfindungen. […] Sie müssen einmal sehen, wie unduldsam Sie geworden sind gegenüber allem, was mit Ihren Ansichten und Auffassungen nicht übereinstimmt. Sie sind nicht nur gereizt, Sie sind unduldsam. Sie haben es verlernt, Gedanken zu folgen, die Ihren nicht entsprechen. Daher halten Sie jeden, der Sie nicht versteht oder Ihnen nicht folgt, für dumm“.[9]

Im Oktober 1924 flieht Jessenin aus Moskau in den Kaukasus, also in jene Region, in der sich auch schon seine großen Vorgänger, Lermontow und Puschkin, haben inspirieren lassen; dort verfasst er das Poem Anna Snegina sowie den Gedichtzyklus Persische Motive. Im Herbst 1925 kehrt er nach Moskau zurück und heiratet im Oktober, nur wenige Wochen vor seinem Tod, Sofja Tolstaja, die Enkelin Lew Tolstois, was einige Autoren – ebenso wie auch schon die Heirat mit Isadora Duncan – als Versuch deuten, seinen Hunger nach Ruhm mit einem strahlenden Namen zu befriedigen. Ende Dezember 1925 reist Jessenin von Moskau nach Leningrad, wo er ein paar Freunde trifft (Wolf Erlich und das Ehepaar Ustinow); in den Morgenstunden des 28. Dezember erhängt sich Jessenin in seinem Zimmer im Hotel Angleterre mit einer Kofferschnur an einem Heizungsrohr; am Tag zuvor hat er seinem Freund Erlich ein Abschiedsgedicht geschrieben – mit seinem Blut, da keine Tinte im Zimmer vorhanden war. Hier die Übersetzung von Paul Celan:[10]

Freund, leb wohl. Mein Freund, auf Wiedersehen.
Unverlorner, ich vergesse nichts.
Vorbestimmt, so wars, du weißt, dies Gehen.
Daʼs so war: ein Wiedersehn versprichts.

Hand und Wort? Nein, lass – wozu noch reden?
Gräm dich nicht und werd mir nicht so fahl.
Sterben –, nun, ich weiß, das hat es schon gegeben;
doch: auch Leben gabs ja schon einmal.

Maxim Gorki schrieb über Jessenins Tod: „Sein Leben wie sein Tod sind ein großartiges Kunstwerk, ein Roman, den das Leben selbst geschaffen hat, und der, wie man es besser gar nicht könnte, die Tragödie der Beziehungen zwischen Stadt und Dorf charakterisiert“.[11] Den Selbstmord wählte Jessenin wohl deshalb für sich, weil er nirgendwo Halt fand: Die hereinbrechende Moderne hatte ihm sein Dorfleben genommen, und als er mit Neugier und Offenheit für neue Weltanschauungen in die Stadt gegangen war, gelang es ihm nicht, in dieser Welt heimisch zu werden – weil er im Grunde seines Herzens immer ein „Russe alten Schlages“ (Karl Dedecius) blieb und (seine) Poesie in der neuen Zeit nicht mehr gefragt war:

Du bist, mein Freund, schon etwas abgeblüht.
Andere Lieder singt jetzt eine andre Jugend.
Spannendere wahrscheinlich, wie man sieht:
Nicht mehr das Dorf – die Welt ist ihnen Mutter!

[…]

So also ist das Land.
Zum Teufel auch –
was hab ich ausgebrüllt, ich wäre volksverbunden?
Die Poesie wird hier nicht mehr gebraucht.
Ich selbst bin nicht gefragt und abgefunden.
(Die sowjetische Russj, 1924)[12]

Hände ihr, ihr fremden, seelenleeren,
was ich sing, wenn ihr es greift, ists hin.
(Kein Lied nach meinem mehr, 1920)[13]

Sowohl Jessenins Leben als auch seine Gedichte bezeugen den „unversöhnlichen Bruch zwischen dem Alten und dem Neuen“ (Gorki). Gespalten war auch Jessenins Wesen: Es schwankte zwischen „zärtlich und rührend […] weich, ruhig, aufmerksam“ und „einem Zustand, der an Geistesgestörtheit grenzte“.[14] Die drei folgenden Gedichte, die chronologisch angeordnet sind, stammen aus Jessenins lyrischer Anfangszeit, aus seiner „Hooliganphase“ sowie aus seinem Spätwerk:

Берёза

Белая берёза
Под моим окном
Принакрылась снегом,
Точно серебром.

На пушистых ветках
Снежною каймой
Распустились кисти
Белой бахромой.

И стоит берeза
В сонной тишине,
И горят снежинки
В золотом огне.

А заря, лениво
Обходя кругом,
обсыпает ветки
Новым серебром.
(1913)

Die Birke

Dicht vor meinem Fenster
hat der Birkenbaum
sich in Schnee gekleidet
wie in Silberflaum.

Von den leichten Zweigen,
eingesäumt mit Schnee,
lassen weiße Quasten
lange Fransen wehn.

Und so steht die Birke
lautlos, traumgebannt,
und die Flocken flammen
ihren goldnen Brand.

Doch der Dämmer, träge,
schlendert rings im Kreis,
schüttet auf die Zweige
neues Silberweiß.
(1913)

Сыпь, гармоника! Скука … Скука …
Гармонист пальцы льет волной.
Пей со мною, паршивая сука,
Пей со мной.

Излюбили тебя, измызгали,
Невтерпёж!
Что ж ты смотришь так синими брызгами?
Или в морду хошь?

В огород бы тебя, на чучело,
Пугать ворон.
До печенок меня замучила
Со всех сторон.

Сыпь, гармоника! Сыпь, моя частая!
Пей, выдра! Пей!
Мне бы лучше вон ту, сисястую,
Она глупей.

Я средь женщин тебя не первую,
Немало вас.
Но с такой вот, как ты, со стервою
Лишь в первый раз.

Чем больнее, тем звонче
То здесь, то там.
Я с собой не покончу.
Иди к чертям.

К вашей своре собачей
Пора простыть.
Дорогая … я плачу …
Прости … Прости …
(1922)

Dröhn, Harmonika! Komm auf Touren.
Greif in die Tasten!
Sauf mit mir, du vergammelte Hure,
Alles ist Schwachsinn.

Bist verbraucht, hast bei vielen gelegen,
Das macht mich krank!
Dann noch der Unschuldsblick, von wegen!
Willst paar gelangt?

In den Garten gehörst du gerammt
Als Vogelscheuche.
Hast mich gemartert, ausgebrannt
Wie eine Seuche.

Flink, Harmonika! Fahr noch mal drüber.
Sauf schon, du Flittchen!
Gebt mir die andre, die Dümmre lieber,
Die mit den Titten.

Bist nicht die erste. Von euch Fraun
Hatt ich schon viel.
Aber mit einer wie dir, du Sau,
Hab ich noch nie.

Und je mehrʼs wehtut, umso toller,
Mal da und mal hier.
Ich kratz nicht ab, leb aus dem Vollen,
Zur Hölle mit dir.

Zeit wirdʼs, zu euerm Hurenpack
Mal zu verschwinden.
Da flenn ich, Liebe … Ich alter Sack …
ʼtschuldige … kannʼs nicht verwinden …
(1922)

Отговорила роща золотая
Березовым, веселым языком,
И журавли, печально пролетая,
Уж не жалеют больше ни о ком.

Кого жалеть? Ведь каждый в мире странник –
Пройдет, зайдет и вновь покинет дом.
О всех ушедших грезит конопляник
С широким месяцем над голубым прудом.

Стою один среди равнины голой,
А журавлей относит ветром в даль,
Я полон дум о юности веселой,
Но ничего в прошедшем мне не жаль.

Не жаль мне лет, растраченных напрасно,
Не жаль души сиреневую цветь.
В саду горит костер рябины красной,
Но никого не может он согреть.

Не обгорят рябиновые кисти,
От желтизны не пропадет трава,
Как дерево роняет тихо листья,
Так я роняю грустные слова.

И если время, ветром разметая,
Сгребет их все в один ненужный ком …
Скажите так … что роща золотая
Отговорила милым языком.
(1924)

Der goldʼne Wald hat aufgehört zu klingen
In seinem frohen birkenhellen Ton.
Ein Kranichzug mit trauerschweren Schwingen
Zieht mitleidlos am Himmel dort davon.

Mit wem denn Mitleid? Jeder will doch wandern.
Tritt kaum ins Haus und geht schon fort sogleich.
Von diesen träumt das Hanffeld, und den andern.
Ein breiter Mond strahlt auf den blauen Teich.

Ich stehʼ allein in diesem kahlen Grunde.
Die Kraniche vom Winde sind verweht.
Ich denkʼ an meiner Jugend manche frohe Stunde,
Und da ist nichts, was zu bereuen steht.

Bedaure kein vergeblich hingeflossʼnes Jahr
Wie auch die Blüten meiner Seele nicht.
Noch brennt das Ebereschenfeuer rot und klar
Im Garten, doch es hat nur kaltes Licht.

Die Ebereschenzweige werden nie verbrennen,
Vom Gelbsein stirbt noch nicht das Gras.
So wie vom Baume Blätter fallen können,
Ich traurig meine Worte fallen lassʼ.

Und wenn der Sturm der Zeit das Ganze
Wie Unrat in den Abgrund schleudern will,
So sagt: Der Wald mit seinem goldʼnen Glanze
Und seiner lieben Sprache schweigt nun still.
(1924)

Jessenin schrieb dieses Gedicht während eines zweiwöchigen Aufenthalts in seinem Heimatdorf Konstantinowo im August 1924, also ein Jahr vor seinem Tod. Wie viele andere Gedichte Jessenins ist auch dieses vertont worden; man sollte sich unbedingt einmal die Interpretation des begnadeten russischen Sängers Oleg Pogudin anhören (freilich auch dann, wenn man von der russischen Sprache keinen blassen Schimmer hat):

Quellenangaben zu den Originaltexten und Übersetzungen der Gedichte:

Die Birke: Original: http://www.stihi-rus.ru/1/Esenin/3.htm (Zugriff vom 08.02.2017); Übersetzung: Sergej Jessenin: Gedichte. Russisch und Deutsch. Auswahl, Übertragungen und Nachwort von Karl Dedecius, München, Beck, [1961], 2010, S. 15.

Dröhn, Harmonika! Komm auf Touren!: Original: http://www.stihi-rus.ru/1/Esenin/131.htm (Zugriff vom 08.02.2017); Übersetzung: Sergej Jessenin: Der Winter singt – es ist ein Schreien. Gedichte aus den Jahren 1910–1925. Ausgewählt und übertragen von Erich Ahrndt, Leipzig, Leipziger Literaturverlag, 2010, S. 75.

Der goldʼne Wald hat aufgehört zu klingen: Original: http://www.stihi-rus.ru/1/Esenin/86.htm (Zugriff vom 08.02.2017); Übersetzung: http://www.gratis-webserver.de/mable/4.html (Zugriff vom 08.02.2017).

[1] Sergej Jessenin: Gedichte. Russisch und Deutsch. Auswahl, Übertragungen und Nachwort von Karl Dedecius, München, Beck, [1961], 2010, S. 71.

[2] Maxim Gorki zitiert in: Sergej Jessenin, Gegen die Sesshaftigkeit des Herzens, Band I: Gedichte, Briefe, Dokumente. Herausgegeben von Anne Hartmann, Berlin, Oberbaum, 2002, S. 29.

[3] Sergej Jessenin: Gedichte. Russisch – Deutsch. Herausgegeben von Fritz Mierau. Leipzig, Reclam, 5. Auflage 1986, S. 235.

[4] Diese Bezeichnung war als Fremdwort zu Jessenins Zeit auch im Russischen gebräuchlich und ist es auch heute noch, primär im Bereich des Fußballs.

[5] Sergej Jessenin: Gedichte. Russisch und Deutsch. Auswahl, Übertragungen und Nachwort von Karl Dedecius, München, Beck, [1961], 2010, S. 50f.

[6] Sergej Jessenin, Gegen die Sesshaftigkeit des Herzens, Band I: Gedichte, Briefe, Dokumente. Herausgegeben von Anne Hartmann, Berlin, Oberbaum, 2002, S. 38.

[7] Zitiert in: Ulrich M. Schmid: „Des Dorfes letzter Dichter“, in: Neue Zürcher Zeitung, Nr. 34 vom 10.02.1996. Ganz ähnlich hat sich auch Jessenins Landsmann Sergei Rachmaninow geäußert: „In diesem verfluchten Land gibt es nichts als Amerikaner, die überall ihrem ewigen ʽbusiness, businessʼ nachgehen, einen von allen Seiten bedrängen und unentwegt antreiben“.

[8] Sergej Jessenin, Gegen die Sesshaftigkeit des Herzens, Band I: Gedichte, Briefe, Dokumente. Herausgegeben von Anne Hartmann, Berlin, Oberbaum, 2002, S. 39f.

[9] Zitiert in: Fritz Mierau: Sergej Jessenin, Leipzig, Reclam, 1992, S. 328f.

[10] Sergej Jessenin: Gedichte. Russisch – Deutsch. Herausgegeben von Fritz Mierau. Leipzig, Reclam, 5. Auflage 1986, S. 227.

[11] Zitiert in: Ulrich M. Schmid: „Des Dorfes letzter Dichter“, in: Neue Zürcher Zeitung, Nr. 34 vom 10.02.1996.

[12] Sergej Jessenin: Gedichte. Russisch – Deutsch. Herausgegeben von Fritz Mierau. Leipzig, Reclam, 5. Auflage 1986, S. 161.

[13] Sergej Jessenin: Gedichte. Russisch – Deutsch. Herausgegeben von Fritz Mierau. Leipzig, Reclam, 5. Auflage 1986, S. 73.

[14] Ilja Ehrenburg zitiert in: Sergej Jessenin, Gegen die Sesshaftigkeit des Herzens, Band I: Gedichte, Briefe, Dokumente. Herausgegeben von Anne Hartmann, Berlin, Oberbaum, 2002, S. 309.