Sergei Rachmaninow: Zweites Klavierkonzert

Sergei Rachmaninow teilt mit mindestens zwei anderen von Millionen von Menschen rund um den Globus hochverehrten Künstlern, mit Hermann Hesse und Giacomo Puccini, das Los, von weiten Teilen der sogenannten Fachwelt sowie des hiesigen Feuilletons über lange Zeit hinweg vollkommen unterschätzt beziehungsweise gänzlich falsch beurteilt worden zu sein, was teilweise sogar noch für unsere Gegenwart gilt. Ähnlich wie im Falle des italienischen Opern-Genies wurde auch gegen den Russen häufig angeführt, dass er außer sentimental-süßen, eingängigen Melodien kompositorisch wenig zu bieten habe. Einige der größten Pianisten aller Zeiten sowie große Komponisten-Kollegen, wie etwa Jewgeni Kissin, Daniil Trifonov, Swjatoslaw Richter und Sergei Prokofjew, beurteilen Rachmaninows Musik freilich ganz anders … „Es lässt einen schmunzeln, sich alte Kritikeraussagen zu seiner Musik anzusehen. Im Musiklexikon Grove von 1954 gibt es einen Artikel von Eric Blom, dem Herausgeber, der behauptete, im Ganzen werde die Musik nicht viel Zukunft haben. Können Sie sich das vorstellen? Aber damals war Rachmaninow wirklich nicht das, was er heute für uns ist. Er ist zu einem „Muss“ geworden. (…) Die Unmittelbarkeit, die herrliche Melodieführung und seine Art, wie er direkt in unsere Herzen einfällt. Endlich ist uns allen klar geworden, was für ein großartiger Musiker er war.“ (Marc-André Hamelin in einem Interview mit dem G. Henle Verlag)

Für mich zählen Rachmaninows 2. und 3. Klavierkonzert sowie seine Liturgie des Johannes Chrysostomos und seine Nacht-Vigilie mit zu den schönsten Kompositionen der gesamten Musikgeschichte. Während die beiden geistlichen Chorwerke a cappella hierzulande und überhaupt außerhalb Russlands kaum bekannt sind, zählen seine beiden großen Klavierkonzerte in den internationalen Konzertsälen zu den Bravourstücken großer Pianisten. Das Klavierkonzert Nr. 2 c-Moll op. 18 ist nicht nur überirdisch schöne Musik, sondern ihm kommt auch im Leben des Komponisten eine zentrale Bedeutung zu, denn mit ihm gelang es Rachmaninow, seine jahrelange Depression nach dem Misserfolg seiner Ersten Symphonie zu überwinden – und es markiert gleichzeitig den Beginn einer neuen, äußerst produktiven Lebensphase. Nach eigener Aussage hat ihm bei der Überwindung seiner Schaffenskrise vor allem der mit Hypnose arbeitende russische Neurologe und Psychotherapeut Dr. Nikolai Dahl geholfen, dem Rachmaninow das Klavierkonzert auch gewidmet hat:

I heard the same hypnotic formula repeated day after day while I lay half asleep in an arm-chair in Dr. Dahl’s study. „You will begin to write your concerto – You will work with great facility – The concerto will be of an excellent quality.“ It was always the same without interruption. Although it may sound incredible, this cure really helped me. Already at the beginning of the summer I began to compose again. The material grew in bulk, and new musical ideas began to stir within me – far more than I needed for my concerto. By autumn I had finished two movements of the concerto – the [Adagio] and the Finale …

Die Premiere des Zweiten Klavierkonzerts fand am 27. Oktober 1901 in Moskau mit Rachmaninow als Solist statt und war ein enormer Erfolg – nun ja, Rachmaninow war nicht nur ein großer Komponist, sondern auch ein begnadeter Klavierspieler, der von vielen Jahrhundert-Pianisten bewundert wird: Für Horowitz war er der „zweifellos größte Pianist“, für Arthur Rubinstein „der faszinierendste Pianist seit Busoni“ und für Claudio Arrau „einer der wenigen, die Unsterblichkeit verdienen“. Rachmaninows früherer Kompositionslehrer Sergei Tanejew, der für seine harsche Kritik bekannt war, weinte während des Adagios und nannte Rachmaninow ein „Genie“, und Sergei Prokofjew bezeichnete dieses Klavierkonzert später als „ein Werk außergewöhnlicher, erstaunlicher Schönheit“.

Rachmaninows Musik wird heute in Russland als die russischste der russischen Musik wahrgenommen, was insbesondere auch für sein Zweites Klavierkonzert gilt; schon der Anfang des ersten Satzes könnte kaum russischer sein, denn es setzt nicht mit der üblichen Orchestereinleitung ein, sondern mit einem Solopart des Klaviers, der Glockenklänge imitiert. Nikolai Medtner, ein mit Rachmaninow befreundeter russischer Komponist und Pianist, schrieb über die russische Seele des Zweiten Klavierkonzerts:

The theme of the inspired Second Concerto is not only the theme of his life, but always conveys the impression of being one of the most strikingly Russian of themes, and only because the soul of this theme is Russian; there is no ethnographic trimming here, no dressing up, no decking out in national dress, no folksong intonation, and yet every time, from the first bell stroke, you feel the figure of Russia rising up to her full height.

Viele große Pianisten haben Rachmaninows Zweites Klavierkonzert eingespielt; die herausragenden Aufnahmen stammen aus meiner Sicht von Swjatoslaw Richter[1] und Jewgeni Kissin:

[1] Aus dem Jahre 1959 mit dem Symphonie-Orchester der Nationalen Philharmonie Warschau unter der Leitung von Stanislaw Wislocki.