Trakl und die conditio humana

Vom Schatten eines Hauchs geboren
Wir wandeln in Verlassenheit
Und sind im Ewigen verloren,
Gleich Opfern unwissend, wozu sie geweiht.

So lautet die erste Strophe von Georg Trakls Gedicht Gesang zur Nacht I, und man müsste Trakl auch dann lieben, wenn er lediglich diese vier Zeilen verfasst hätte, denn mir sind keine anderen Verse bekannt, die auf so knappem Raum so treffend, so eindrücklich und so umfassend die conditio humana zum Ausdruck bringen – welch eindrucksvoller Beleg dafür, dass die Dichtung die „Kristallform des Seins“ (Günther Debon) ist!

Da wir inzwischen im November, dem Monat der Tristesse, angelangt sind, sei hier noch ein Vierzeiler der „schlesischen Nachtigall“ Friederike Kempner nachgeschoben, der unseren modernen „Western way of life“ so herrlich resümiert:

Besessen ist die Welt
Von Eigennutz und Geld,
Und alles zum –
Verzweifeln dumm!

Ikkyû Sôjun (1394–1481) hingegen, einer der populärsten und exzentrischsten Zen-Meister Japans (der noch heute in TV-Serien und Manga lebendig ist), stellt bei seinem Resümee die menschliche Kommunikation in den Vordergrund:

Von der Waschschüssel der Geburt
bis zur Waschschüssel des Bestatters:
nur Geschwafel.