Walther von der Vogelweide

Walther von der Vogelweide (geb. um 1170, gest. um 1230) gilt als der bedeutendste Dichter des deutschen Mittelalters, doch über sein Leben wissen wir nur sehr wenig: Da er historisch nur in einer Quelle bezeugt ist, beruhen praktisch alle Informationen über sein Leben auf seinen eigenen Liedern und auf Erwähnungen bei zeitgenössischen Dichtern. Als „Fahrender Sänger“ zog er lange Zeit von Hof zu Hof und diente weltlichen und geistlichen Herren; dieses unstete Wanderleben endete, als er um das Jahr 1220 von Kaiser Friedrich II. ein kleines Gut in der Nähe von Würzburg als Lehen erhielt. Walthers umfangreiches Werk, in dem sich die unterschiedlichsten europäischen Traditionen (wie u.a. die lateinische Vagantendichtung) zu einem sehr eigenwilligen persönlichen Stil verbanden, zeichnet sich zum einen durch seine inhaltlich-formale Vielseitigkeit aus (Minne und Liebe, Politik, Natur, geistliche Themen), zum anderen durch seinen Einfallsreichtum und die Unmittelbarkeit seiner Empfindungen und Sprache. Das unten präsentierte Gedicht, dem die Walther-Forschung den Titel „Elegie“ beziehungsweise „Alterselegie“ gegeben hat, beinhaltet vor allem eine Zeit- und Gesellschaftskritik des alternden Dichters, der der Welt abgesagt hat. Der Sänger ist eingeschlafen und betrachtet nach dem Erwachen seine Gegenwart aus der Perspektive der Vergangenheit, wobei er sich fragt, ob das ihm „entschwundene“ Leben etwa nur ein Traum war. Alles kommt ihm jetzt ganz fremd vor: die Natur, die Landschaft und auch die Menschen und ihre Sitten. Die hier verwendete rhetorische Figur, dass das Leben ein Traum sei, ist freilich eine sehr alte und weit verbreitete Metapher, die sich beispielsweise auch bei Shakespeare und dem spanischen Barock-Dichter Pedro Calderón de la Barca findet:

Was ist Leben? Hohler Schaum,
Ein Gedicht, ein Schatten kaum!
Wenig kann das Glück uns geben:
Denn ein Traum ist alles Leben
Und die Träume selbst ein Traum.

(Pedro Calderón de la Barca, Das Leben ein Traum, Monolog des Sigismund; Übersetzung: Johann Diederich Gries)

Und auch im Alten China begegnet uns diese Metapher: Jorge Luis Borges erwähnt in einer seiner berühmten Harvard-Vorlesungen, dass der chinesische Philosoph Tschuang-Tse (Zhuangzi) geträumt habe, er sei ein Schmetterling, und als er erwachte, habe er nicht mehr gewusst, ob er ein Mensch war, der geträumt hatte, ein Schmetterling zu sein, oder ein Schmetterling, der nun gerade träumt, er sei ein Mensch.

Nun aber zur Alterselegie des Walther:

O weh! wohin verschwanden alle meine Jahr?
Ist mein Leben mir geträumet oder ist es wahr?
Das ich stets wähnte, dass es wäre, war das nicht?
Danach hab ich geschlafen, und so weiß ichs nicht.
Nun bin ich erwachet, und ist mir unbekannt,
Was mir hievor war kundig wie mein andre Hand.
Leute und Land, dannen ich von Kinde bin geborn,
Die sind mir fremde worden, recht als ob es sei verlorn.
Die meine Gespielen waren, die sind träge und alt,
Bereitet ist das Feld, verhauen ist der Wald,
Nur dass das Wasser fließet, wie es weiland floss.
Fürwahr! ich wähnte, mein Ungelücke würde groß.
Mich grüßet mancher träge, der eh mich kannte wohl;
Die Welt ist allenthalben Ungenaden voll.
Wenn ich gedenke an manchen wonniglichen Tag,
Dir mir entfallen sind, wie in das Meer ein Schlag:
Immermehr, o weh!

O weh! wie jämmerlich die jungen Leute tunt,
Denen nun viel traurigliche ihr Gemüte stund!
Die können nichts denn sorgen; o weh! wie tun sie so?
Wo ich zur Welt hinkehre, da ist niemand froh.
Tanzen, Singen zergeht mit Sorgen gar.
Nie Christenmann noch sah so jämmerliche Jahr!
Nun merket, wie den Frauen ihr Gebände staht!
Die stolzen Ritter tragen dörferliche Wat.
Uns sind unsanfte Briefe her von Rome kommen,
Uns ist erlaubet Trauren, und Freude gar benommen.
Das mühet mich inniglichen sehr, wir lebten sonst viel wohl,
Dass ich nun, für mein Lachen, Weinen wählen soll.
Die wilden Vögel betrübet unsre Klage,
Was Wunder ist, wenn ich davon verzage?
Was spreche ich dummer Mann durch meinen bösen Zorn?
Wer dieser Wonne folget, der hat jene dort verlorn
Immermehr, o weh!

O weh! wie uns mit süßen Dingen ist vergeben!
Ich sehe bittre Galle mitten in dem Honige schweben.
Die Welt ist außen schöne weiß, grüne und rot
Und innen schwarzer Farbe, finster, wie der Tod.
Wen sie nun verleitet habe, der schaue seinen Trost!
Er wird mit schwacher Buße großer Sünde erlost.
Daran gedenket, Ritter! es ist euer Ding.
Ihr traget die lichten Helme und manchen harten Ring,
Dazu die festen Schilde und das geweihte Schwert.
Wollte Gott, ich wäre solches Sieges wert!
So wollte ich notiger Mann verdienen reichen Sold,
Doch meinte ich nicht die Huben, noch der Herren Gold:
Ich wollte selber Krone ewiglichen tragen,
Die möchte ein Söldener mit seinem Speer bejagen.
Möchte ich die liebe Reise fahren über See,
So wollte ich danne singen: wohl! und nimmermehr: o weh!