Wilhelm Lehmann

Hermann Hesse schrieb über den „bedeutenden Dichter“ Wilhelm Lehmann, der heute vor 50 Jahren zu den vielen ging: „Der in Eckernförde lebende deutsche Lyriker Wilhelm Lehmann gehört nach meinem Urteil zu den nicht häufigen echt dichterischen und echt lyrischen Begabungen in der heutigen deutschen Literatur […] Er hat, was so selten ist, das Gleichgewicht von sprachlicher Potenz und Kraft des Erlebens. Unter den Dichtern, zumal in der deutschen Literatur und auch in der deutsch-schweizerischen, überwiegen die formalen Begabungen, die über den lyrischen Ausdruck zwar verfügen, aber wenig Substanz und neues Erleben der Wirklichkeit haben. Andere, seltenere, haben das originale, wertvolle Erleben in vollem Maße, es fehlt ihnen aber die Schönheit und Natürlichkeit des Ausdrucks. Wilhelm Lehmann hat beides und wird nach meiner Meinung manchen Berühmteren überdauern.“[1] Doch trotz dieser „echt dichterischen und echt lyrischen“ Doppelbegabung und obschon ihm die Zuneigung und Bewunderung namhafter Schriftsteller zuteilwurde und er 1923 von Alfred Döblin mit dem Kleistpreis geehrt wurde (zusammen mit Robert Musil), war Lehmann während seiner Lebenszeit nie populär – und ist heute beinahe unbekannt. Im Lärmen und Fluten einer aktualitäts- und sensationsbesessenen Moderne konnte das Publikum, dem zudem „[d]ie selige Einheit mit allem Gewordenen“ (Wilhelm Lehmann) mit dem Eintritt ins Erwachsenenalter entschwindet, diesem enthusiastischen Naturdichter offenkundig nicht folgen, der ebenso wie der von ihm bewunderte Jean Paul die Freude an der Natur als das größte Glück des Menschen empfand und sich daher ausgiebig Zeit nahm, „to stand and stare“ (W. H. Davies) und die von ihm wahrgenommene, ihn entzückende Mannigfaltigkeit des Daseins in Versen festhielt. Die literarische Welt hingegen warf seiner Dichtung Transzendenzlosigkeit vor, worauf Lehmann in einem Selbstinterview erwidert: „Ich verstehe nicht, wie man etwas, das man noch gar nicht ausbesehen hat, transzendieren soll“[2], und an anderer Stelle lesen wir: „Das gelungene Gedicht versetzt Menschen wie Dinge aus einem ungenauen in einen genauen Zustand. Es betrügt ihn und sie gerade nicht um das Dasein, sondern verleiht es ihnen. Das ist seine Aufgabe, sein therapeutischer Sinn“.[3]

Am vollständigen Tage

Von eiliger Verzweiflung, Welt, geschunden,
An einem Tag zu sich zurückgefunden.
Die Erde abgestanden, schal?
Wie steht ihr gut
Der Himmelshut,
Als sähʼ ich sie darin zum ersten Mal!

Ich bin auf der Terrasse gesessen
Und habe von der Luft gegessen.
Ein Ohrwurm stieg aus den Strandkorbtaschen;
Mit kupferner Schere
Setzt er sich zur Wehre,
Mit dünner Zange
Ist ihm nicht bange.
Er kam wie ich, von der Wärme.
Die Sommerblitze sahen wir blitzen,
Fahrig züngelnde Degenspitzen.

Die Zeit, unser beider Eigentum,
Die Daseinstat schon Daseinsruhm.

Der Dank

Zurückgeballt ins Kurze, Baumäonen,
In Eichel, Ecker breite Kronen.

Oktoberlicht steht jäh im Windeszug
Wie Katapult schießt Busch zu Busche Hänflingsflug.

Kastanie öffnet Kugelschrein,
Ins Mahagoni ihres Innern lädt sie ein.

Ihr habt mich oft euch eingestimmt.
Was gebe ich, der von euch nimmt?

Die Achsel zuckt: nichts als Gedichte?
Gemach! Auch sie sind Weltgeschichte.

Ruhm des Daseins

Da sie dem Ohr entfloh,
Verklungene Pastorale, wo?
Der Wind hat sie ins Nichts gestöhnt.
Das Nichts gibt sie zurück. Sie tönt:

Der Wind, gezähmt, glättet die Wollgrasflocken.
Die Steine bettet weißer Klee.
Herkules sitzt und spinnt am Weiberrocken,
Ihn kirrte lydische Omphale.

Den Atem freut erlaubte Frist.
Still rühmt das Dasein sich. Die Frucht weiß ihren Kern.
Mit seinem Rebhuhn spielt Johannes, der Evangelist.
Selbst Ahasver zieht seine Straße gern.

Omphale – diese lydische Königin veranlasste selbst Herkules zu Sklavenarbeit.
Johannes der Evangelist – der Legende nach verteidigt Johannes seine Freude an einem Rebhuhn damit, dass man nicht wie ein Schütze, der immer mit gespanntem Bogen dasteht, fortwährend auf das Überirdische gespannt sein soll.
Ahasver – der ewig wandernde Jude. Im Roman „Der Provinzlärm“ nennt Lehmann sein Selbstportrait „Asbahr“, sein Spitzname in der Schule war „Kaspar“.

Gedichte (einschließlich der Erläuterungen) zitiert nach: Wilhelm Lehmann: Ein Lesebuch. Ausgewählte Lyrik und Prosa, Göttingen, Wallstein, 2011.

[1] „Wilhelm Lehmann über sich selbst“, in: ders.: Bukolisches Tagebuch und weitere Schriften zur Natur, Berlin, Matthes & Seitz, 2017, S. 257.

[2] Wilhelm Lehmann: „Die Bedeutung des Laien. Interview mit sich selbst“, in: ders.: Bukolisches Tagebuch und weitere Schriften zur Natur, Berlin, Matthes & Seitz, 2017, S. 265.

[3] Wilhelm Lehmann: „Poesie als Einwilligung in das Sein“, in: ders.: Ein Lesebuch. Ausgewählte Lyrik und Prosa, Göttingen, Wallstein, 2011, S. 98.