William Shakespeare

Der am 26. April 1564 in Stratford-upon-Avon getaufte und ebendort im Jahre 1616 gestorbene William Shakespeare (sein Geburtsdatum ist nicht bekannt) gilt als der größte Autor der Menschheitsgeschichte: „Nach Gott hat Shakespeare am meisten geschaffen“ urteilte Alexandre Dumas.[1] Zudem gehört er zu den großen geheimnisvollen, rätselhaften Autoren der Weltliteratur, denn es gibt zwar eine Fülle von Dokumenten, wie Geburtsregister, Heiratsurkunden, Kaufurkunden, Sterbeurkunden, Gerichtsvorladungen, Steuermahnungen, Hypothekenverträge usw., die uns zuverlässig über das bürgerliche, „äußere“ Leben Shakespeares Auskunft geben, doch es liegen uns keine persönlichen Aufzeichnungen, Korrespondenzen, Aussagen von Verwandten oder Freunden usw. vor, die uns über das „innere“ Leben dieses literarischen Genies, über sein Liebesleben, seine Lebens- und Weltsicht, informieren würden.[2] Obschon angesichts dieser Quellenlage das Verfassen einer Shakespeare-Biographie der Rekonstruktion eines Brontosaurierskeletts „aus 9 Knochen und 600 Fässern Gips“ gleichkommt, wie Mark Twain einmal äußerte, gibt es über den Autor des Hamlet dennoch einen ganzen Berg von Biographien – die selbstredend größtenteils rein fiktiv-spekulativ sind, was die betreffenden Autoren sowie Millionen von Lesern aber nicht im Geringsten zu stören scheint.[3] Damit aber nicht genug, die sogenannten Anti-Shakespearianer stellen dies mühelos in den Schatten, denn sie warten gleich mit der „hieb- und stichfesten“ revolutionären Botschaft auf, dass William Shakespeare gar nicht der Autor all dieser schönen Stücke und Gedichte ist, sondern ein ganz anderer, wobei die Liste des „wahren Shakespeares“ seit dem Aufkommen dieser idée fixe im 19. Jahrhundert bis heute auf rund 80 Namen angewachsen ist, darunter so illustre wie etwa Sir Francis Bacon, Daniel Defoe, Sir Francis Drake, ja sogar Maria Stuart und der Spanier Cervantes sind mit von der Partie. Dieser Irrsinn hätte Shakespeare wohl vorzüglich gefallen: Tausende von Wissenschaftlern aus vielen verschiedenen Ländern und andere sich dazu berufen fühlende Zeitgenossen investieren sehr viel Zeit und einen Großteil ihrer Lebensenergie in diesen Unfug, obwohl uns in überreichem Maße absolut zweifelsfreie Belege dafür vorliegen, dass Shakespeare, der „sweet swan of Avon“ (Ben Jonson), der Autor dieses grandiosen Werkes ist (vgl. Frank Günther, op. cit., S. 273–302). Wir können uns also entspannt zurücklehnen und die beiden unten wiedergegebenen Sonette von Shakespeare genießen; in dem ersten werden die Malaisen der Zeitläufte beleuchtet, im zweiten geht es um die unentrinnbare Wollust des Mannes mit ihren verschiedenen Phasen.

Anders als in diesen beiden Sonetten Shakespeares treten in den allermeisten eine „dark lady“ und ein schöner junger Mann auf, wobei das lyrische Ich mit allen beiden ein Liebesverhältnis zu haben scheint. Neben anderen Indizien ist gerade dieses Auftreten eines schönen Jünglings von zahlreichen Autoren als „Beweis“ für die von ihnen behauptete Homosexualität Shakespeares angeführt worden. Da es gleichzeitig aber auch gewichtige Gegenargumente gegen diese These gibt, kann letztlich niemand mit Bestimmtheit sagen, ob der größte Dichter aller Zeiten nun Männer oder Frauen oder gar beide Geschlechter liebte[4] – im Hinblick auf die Qualität seiner Werke ist diese mit viel Engagement diskutierte Streitfrage natürlich vollkommen bedeutungslos.

Sonnet LXVI

Tirʼd with all these, for restful death I cry:
As, to behold Desert a beggar born,
And needy Nothing trimmʼd in jollity,
And purest Faith unhappily forsworn,
And gilded Honour shamefully misplacʼd,
And maiden Virtue rudely strumpeted,
And right Perfection wrongfully disgracʼd,
And Strength by limping Sway disabled
And Art made tongue-tied by Authority,
And Folly, Doctor-like, controlling Skill,
And simple Truth miscallʼd Simplicity,
And captive Good attending captain Ill –
Tirʼd with all these, from these would I be gone,
Save that, to die, I leave my love alone.

66. Sonett

Dies alles müd ruf ich nach todes rast:
Seh ich Verdienst als bettelmann geborn
Und dürftiges Nichts in herrlichkeit gefasst
Und reinsten Glauben unheilvoll verschworn

Und goldne Ehre schändlich missverwandt
Und jungfräuliche Tugend roh geschwächt
Und das Vollkommne ungerecht verbannt
Und Kraft durch lahme lenkung abgeflächt

Und Kunst schwer-zungig vor der obrigkeit
Und Geist vorm doktor Narrheit ohne recht
Und Einfachheit missnannt Einfältigkeit
Und sklave Gut in dienst beim herren Schlecht.

Dies alles müd möchte ich gegangen sein ·
Liess ich nicht · sterbend · meine lieb allein.

Die obige Übertragung stammt von Stefan George, zweifellos einer der genialsten Lyrikübersetzer innerhalb des deutschen Sprachraumes. Noch besser als seine Übersetzung gefällt mir jedoch die folgende des deutschen Schauspielers Martin Flörchinger (1909–2004):

Müde von alledem, rufʼ ich den Tod herbei –
Seit ich gesehn, wie das Verdienst jetzt bettelt,
Und hohles Nichts sich bläht in Prahlerei,
Und reinster Glaube sinnlos sich verzettelt,

Und Ehre schmachvoll wird hintangestellt,
Und Mädchentugend schamlos roh verletzt,
Und Trefflichkeit mit Absicht wird geprellt,
Und wahre Kraft durch Schwächlichkeit ersetzt,

Und wie die Macht der Kunst den Mund verbietet,
Und Narren urteiln über echtes Können
Und wie das Schlechte frech dem Wert gebietet.
Und darf die schlichte Wahrheit „Einfalt“ nennen.

Müde von alledem, möchtʼ ich begraben sein,
Ließ ich mit meinem Tod nicht, was mir lieb, allein.

Eine wunderbar humorige, an unsere triste Epoche angepasste Nachdichtung dieses bekannten Sonetts hat 2015 der Schriftsteller und Journalist Michael Klonovsky ersonnen:

O Gott, wie satt hab ich dies Leben hier,
Wo ich den Geist um Klicke betteln sehʼ,
Und grüne Fatzkes haben viel Pläsier,
Und jede Art von Treue ist passé.

Und preisbehangen prangt Schamlosigkeit,
Und höchstes Glück der Frau ist der Beruf,
Und wo man hinschaut, macht sich Tinnef breit,
Und Männlichkeit ist schlecht, wie Gott sie schuf.

Und Zeitgeisthurerei ist alle Kunst,
Und Gouvernanten prüfen jedes Wort,
Und simple Wahrheit stirbt im Talkshowdunst
Und Nutzmensch schafft dem Lumpen den Komfort.

Dies alles müd, schmiss ich gern alles hin,
Doch hingst du dann in meinen Schulden drin.

Sonnet CXXIX

Thʼ expense of spirit in a waste of shame
Is lust in action; and till action, lust
Is perjurʼd, murderous, bloody, full of blame,
Savage, extreme, rude, cruel, not to trust;
Enjoyʼd no sooner but despised straight;
Past reason hunted, and no sooner had,
Past reason hated, as a swallowʼd bait,
On purpose laid to make the taker mad –
Mad in pursuit, and in possession so;
Had, having, and in quest to have extreme;
A bliss in proof, and provʼd, a very woe;
Before, a joy proposʼd; behind, a dream.
All this the world well knows; yet none knows well
To shun the heaven that leads men to this hell.

129. Sonett

Verspritzter Geist, vergossen voll in Scham,
ist Wollust, wenn es kommt. Bis man es tut,
bezeichnet man sie mörderisch, infam,
verlogen, grausam, tierisch, gar nicht gut.
Genossen kaum, verachtet man sie sehr,
man hat ihr nachgejagt aus Unbedacht,
hasst nun aus Unbedacht den Köder, der,
wen ihn geschluckt, nun so verrückt gemacht.
Verrückt, es zu erlangen; eine Qual,
wenn manʼs gehabt, noch hat und will; denn kaum
gehabt, wird das Momentvergnügen schal,
zuvor versprochne Freude bleibt ein Traum.
Dies weiß die Welt, und doch: kein Mann entrinnt
dem Himmel, der ihm diese Hölle bringt.

[1] Dumasʼ Lob des englischen Poeten lässt James Joyce eine Nebenfigur im Ulysses (John Eglinton) wiederholen.

[2] Vgl. Frank Günther: Unser Shakespeare. Einblicke in Shakespeares fremd-verwandte Zeiten, München, DTV, 4. Auflage 2015, S. 250.

[3] Vgl. hierzu Frank Günther, op. cit., S. 257–272, der genüsslich mehrere neuere Shakespeare-Biographien auseinandernimmt.

[4] Vgl. Frank Günther, op. cit., S. 165–174.