Zizi Possi: Per amore

Die 1956 in São Paulo geborene Sängerin Zizi Possi besitzt eine der schönsten Stimmen der an begnadeten Künstlern so überaus reichen brasilianischen Musikszene. Schon im zarten Alter von fünf Jahren begann sie mit dem Klavierspiel, ergänzend folgte später eine klassische Gesangsausbildung. Sie arbeitete als Musiklehrerin für Straßenkinder, nahm Werbejingles auf, hatte kleinere Auftritte bei Lokalsendern und hielt sich mit Übersetzungen aus dem Italienischen über Wasser. Im Jahr 1978 wurde sie von Roberto Menescal, einem der Begründer der Bossa Nova, für das Plattenlabel Philipps entdeckt, und im selben Jahr nahm sie ihre erste LP (Flor do mal; „Blume des Bösen“) auf, die gleich ein Erfolg war. Auch ihre nächsten Veröffentlichungen wurden vom Publikum sehr gut aufgenommen, und Musikkritiker wählten sie zur besten Newcomerin im Bereich Gesang. Ihr schönstes und erfolgreichstes Album Per amore („Aus Liebe“), das mit Doppelplatin ausgezeichnet wurde, nahm sie jedoch erst 1997, also rund zwanzig Jahre später auf (1998 folgte eine Live-DVD, s.u.). Die CD ist eine Hommage der Sängerin an ihre italienischen Vorfahren (ihre Großeltern stammen aus Neapel) und enthält ausschließlich Klassiker der italienischen Musik und der neapolitanischen Canzone. Zu letzteren gehören etwa Lacreme napulitane „(Neapolitanische Tränen“), Vurria („Ich möchte“), Dicitencello vuie („Sagen Sie ihr“), O paese dʼo sole („Das Land der Sonne“) und A vucchella („Das Mündchen“). Zu den Glanzlichtern italienischer Liedkunst jüngeren Datums zählen beispielsweise der Titelsong Per amore (1995), den Mariella Nava für Andrea Bocelli geschrieben hat, Senza fine („Ohne Ende“, 1961) des norditalienischen Liedermachers Gino Paoli sowie Caruso (1986) aus der Feder des bekannten Bologneser Sängers und Songwriters Lucio Dalla. In einem Interview hat dieser die Bedeutung des Textes erklärt: Er sei einmal gezwungen gewesen, in der Stadt Sorrent am Golf von Neapel in einem Hotel zu übernachten und bekam jenes Zimmer, das Enrico Caruso wenige Tage vor seinem Tod bewohnt hatte. Die Inspiration zu dem Lied sei ihm gekommen, als ihm die Hotelbesitzer von den letzten Tagen des Tenors und seiner leidenschaftlichen Liebe zu einer jungen Frau, der er Gesangsunterricht gab, berichteten.

Mit ihrer exzellenten Gesangsstimme und ihrer stark ausgeprägten Affinität zur italienischen beziehungsweise neapolitanischen (Volks-)Musik gelingen Zizi Possi durchweg wunderschöne, teilweise atemberaubend schöne Interpretationen, so wie etwa bei Vurria, E chiove („Und es regnet“), Dicitencello vuie, Senza fine und Per amore. Das brasilianische Goldkehlchen hat deutlich hörbar sehr viel Herzblut in diese musikalische Würdigung ihrer italienischen/neapolitanischen Wurzeln fließen lassen – und bei ihren Zuhörern wird so manche Träne fließen …

„Ich bin auch hierin ein unmoderner Mensch, dass ich Gefühle und Sentimentalitäten nicht verwerfe und hasse, sondern mich frage: Womit leben wir denn eigentlich, wo spüren wir das Leben, wenn nicht in unsren Gefühlen?“
(Hermann Hesse, Die Nürnberger Reise)

Zizi Possi: Per amore
Polygram, 1997