Zum faustischen Wesen der Deutschen

Nachdem im Cato-Magazin (4/2018, S. 25) mein Text „Der suchende Blick“ erschienen war, fühlte ein Leserbriefschreiber sich bemüßigt, meinen Text als „rührselige, nationalistische Soße“ zu kritisieren. Dieser Leser kommt hier freilich nur deshalb nochmals zu Wort, weil er als pars pro toto für weite Bevölkerungsteile gelten muss, denen nicht bekannt ist, oder die es aus ideologischen Gründen (zwanghaft) in Abrede stellen, dass die Völker rund um den Globus auch jenseits der Kulinarik allesamt sehr verschieden sind, dass sie allesamt spezifische Volkscharaktere und -mentalitäten aufweisen und dass selbstredend die Traditionen, Bräuche, Usancen, Verhaltensmuster und geschichtlichen Erfahrungen, die diese Volksseele prägen, ein historisches Erbe des jeweiligen Volkes repräsentieren, das über Jahrhunderte hinweg von einer Generation an die nächste weitergegeben wurde. So ist etwa der den romanischen Kulturraum kennzeichnende Machismo nicht einfach eines schönen Tages vom Himmel gefallen, sondern findet seine Erklärung in der überragenden Bedeutung, die bei den alten Römern dem pater familias zukam, der über alle seine Familienangehörigen die vitae necisque potestas, die Macht über Tod und Leben, innehatte. Bekanntlich haben die Römer ihre lateinische Sprache und Kultur im Zuge ihrer militärischen Expansionen in weite Teile Europas getragen, und als einige ihrer unmittelbaren „Erben“, wie etwa die Spanier und Portugiesen, außereuropäische Territorien eroberten und kolonisierten, gelangten nicht nur die Fortsetzungen des Lateinischen, also das Portugiesische und Spanische, nach Übersee, sondern auch kulturelle Phänomene, wie etwa der auf der patria potestas, dem väterlichen Recht der Römer, gründende Machismo.

Kehren wir zurück nach Germanien! Für die unbestreitbare Existenz des faustischen Wesens der Deutschen lässt sich zwar keine konkrete Quelle angeben, gleichwohl ist es aufschlussreich, dass uns dieser Wesenzug schon in der altgermanischen Mythologie begegnet, denn der Hauptgott der Germanen, Odin (Wodan), ist nicht nur der Kriegs- und Totengott, sondern auch der weise Gott der Dichtung und der „grübelnde Ase“, wie er in der Edda genannt wird, der unablässig der geheimen Weltweisheit nachspürt, der hierzu unermüdlich die Besitzer uralter Weisheiten, wie Riesen, Zauberinnen und auch kundige Menschen, ausforscht, der voller Wissensdurst tagtäglich seine beiden Raben Hugin und Munin aussendet, damit sie die Welten erkunden und ihm anschließend Bericht erstatten, und der sogar eines seiner Augen im Brunnen des Riesen Mimir versenkt, in dem die Urbilder aller Dinge verborgen sein sollen. Kurzum: Die Deutschen sind nicht erst seit Goethes Faust faustisch veranlagt, sondern es handelt sich dabei offenkundig um ein Erbe aus ältester germanischer Zeit, für das in keiner anderen Mythologie eine Entsprechung zu finden ist – es handelt sich mithin um ein kultur- beziehungsweise mentalitätsgeschichtliches Schibboleth der Deutschen, das sich in dem besagten metaphysischen, „suchenden“ Blick, den auch die Uta von Naumburg zeigt, widerspiegelt. Die beiden möglichen Einwände, dass, erstens, unsere Kenntnisse in Bezug auf die altgermanische Götterwelt nicht auf sehr sicheren Füßen stehen und dass wir es, zweitens, hierbei eben nicht mit einer realen Welt, sondern nur mit einem Mythos zu tun haben, verfangen nicht, denn wir wissen aus der Kulturanthropologie, dass die frühgeschichtlichen Völker ihre Götter und Göttinnen nach ihrem eigenen menschlichen Wesen modellierten. Zudem ist die Definition des Mythos des deutschen Altphilologen Walter F. Otto (nach einer Formulierung bei Sallust) zu berücksichtigen: „Das war nie und ist immer“; entsprechend hat auch Ernst Jünger den Mythos gefasst: „Mythos ist keine Vorgeschichte; er ist zeitlose Wirklichkeit, die sich in der Geschichte wiederholt“ (Der Waldgang). Aber natürlich gilt auch: So wie man durch Belehrungen aus einem bösen keinen guten Menschen machen kann, wie schon Platon wusste, so wenig werden sich ideologisch vernebelte, bornierte Zeitgenossen durch derlei Argumente überzeugen lassen.

Georg Friedrich Kersting: Faust im Studierzimmer (1829)